Der sichere innere Ort

Der heutige Blogartikel behandelt ein zentrales Thema meiner Arbeit:

  

Der sichere innere Ort (Wohlfühlort)

 

1.   Die Probleme einer Person im Alltag beschreiben

 

Einer meiner Klienten fühlte sich über Jahre in seiner Wohnung nicht sicher. Er hatte das Gefühl, als komme plötzlich jemand am Tag oder in der Nacht in seine Wohnung herein. Aus diesem Grund schaffte er es nicht, seine Wohnung einzurichten. Die Kartonschachteln standen seit dem Einzug vor vier Jahren immer noch unangetastet in der Wohnung. Er wäre am liebsten wieder von diesem Ort weggezogen, was jedoch keine wirkliche Option war und seine Probleme mit Sicherheit nicht gelöst hätte.

 

Diese Unsicherheit war nicht nur in der Wohnung, sondern auch in seinem Inneren zu spüren. Er fand keine Ruhe. Viele Gegenstände, Nachrichten, andere Menschen und Geräusche triggerten* ihn. Deshalb konnte er die Kartonschachteln nicht auspacken, da sie ihn an seine Vergangenheit erinnerten.

 

*Erklärung «Triggern»: Triggern kommt aus der englischen Sprache und bedeutet «auslösen». In der Psychologie bedeutet dies, dass bei Menschen mit traumatischen Erlebnissen bestimmte Handlungen, Situationen, Geräusche oder Worte eine emotionale oder nervliche Reaktion wie Verhaltensänderungen, Zusammenbrüche oder Panikattacken hervorrufen.

 

Er fing eine Traumatherapie bei einem entsprechend ausgebildeten Therapeuten an. Die Hoffnung und Zuversicht waren gross, dass dieses entsetzliche Leiden nun endlich ein Ende hat. Doch leider kam es zu Beginn der Therapie anders: Der Klient schaffte es nicht, trotz intensiver Anleitung vonseiten des Therapeuten, sich einen sicheren inneren Ort zu schaffen.

 

Der Klient erzählte mir, er habe als begabtes Kind sehr viel gebastelt, hunderte von Ideen entwickelt und selber umgesetzt. Doch diese gebastelten Sachen, auf welche er so stolz war und ihm ein gutes Gefühl vermittelten, hat sein aggressiver Stiefvater verspottet, jeweils gleich vor seinen Augen kaputt gemacht und weggeworfen. Seine Mutter habe dies mitangesehen und sich nicht für ihn eingesetzt.

 

Diese Erfahrungen und noch viele weitere schlimme Erlebnisse in seiner Kindheit gaben ihm das Gefühl, in seinem Leben noch nie einen sicheren Ort gehabt zu haben. Es werde ihm ja eh alles gleich wieder weggenommen und zerstört. Seine traumatische Vergangenheit hielt ihn vermutlich davon ab, diesen Ort in sich imaginär zu finden und aufzubauen. Der sichere innere Ort jedoch ist eine Voraussetzung, um überhaupt mit der Trauma-Verarbeitung beginnen zu können.

 

2. Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können

 

Es war traurig mitanzusehen, wie der Klient das Gefühl hatte, es habe keine guten Momente in seiner Kindheit gegeben. Seine Vergangenheit fühle sich ausschliesslich dunkel und schwer an.

 

Und doch hat jede Person im Leben einmal – und wenn es nur für einen kurzen Augenblick ist – ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit erlebt. Diese Momente zu finden und zu spüren sind sehr wirksam. Auch wenn so ein sicherer Ort gefunden wurde, so spricht das nicht das grosse Leid ab, welches der Klient in seiner Kindheit erlitten hat.

 

Die Fragen an meinen Klienten waren somit: Wie fühlte es sich an, so lange an so komplizierten Sachen gebastelt zu haben als Kind? Erinnern Sie sich daran, wie dieses tolle Gefühl war, wenn es fertig gestellt war? Können Sie das Gefühl beschreiben? Wie kann dieses tolle Gefühl mit einem Bild verknüpft werden, das Sie in Ihrem Innern entstehen lassen? Versuchen Sie nun durch dieses aufkommende Bild, sich einen sicheren und geborgenen Ort zu schaffen.

 

Es benötigt schon etwas Geduld, Vorstellungskraft und Übung, um sich diesen sicheren inneren Ort zu erschaffen. Manchen Menschen fällt dies leichter, andere benötigen etwas mehr Zeit.

 

Erst mit der Zeit und nach einigen Therapiestunden bei seinem Therapeuten entstand im Inneren des Klienten ein Ort an dem er sich zum ersten Mal sicher fühlte: In einem Häuschen auf einem See, welches nur über einen Steg zugänglich ist. Der Ort ist an einem absolut unbekannten und sehr abgelegenen Platz, kein Mensch verirrt sich dorthin.

 

Dank diesen neuen Erfahrungen und guten Momenten konnten wir gemeinsam die Kartonschachteln schrittweise auspacken, aussortieren und die Wohnung einrichten.

 

Kamen während dem Auspacken Gefühle der Hilflosigkeit und der Ohnmacht hoch, so konnte der Klient immer wieder versuchen, sich an den sicheren inneren Ort zu erinnern, um Ruhe und Sicherheit zu erfahren. Es ist ein Ort, der in schwierigen Situationen immer wieder abgerufen werden kann, welcher stabilisiert und das Gefühl von eigener Handlungsfähigkeit zurückbringt. Ziel ist es, sich von da aus zu trauen um neue Strategien anzugehen.

 

Die Wohnung ist nun wohnlich eingerichtet und der Klient fühlt sich wohl in seinem Zuhause. Der Klient ist und bleibt jedoch ein Daniel Düsentrieb. Der Tisch ist voller angefangener Projekte und das Wegwerfen wird vermutlich weiterhin ein schwieriges Unterfangen bleiben.

 

3. Eine Aufgabe an Sie persönlich

 

Sind Sie bereit, auch für sich selber eine Übung auszutesten?

 

HIER finden Sie eine schriftliche Anleitung um den eigenen, sicheren inneren Ort zu finden.

 

Eine Auswahl an Videos mit Anleitungen finden Sie HIER (Youtube). Welche Übung, welche Musik, welche Stimme spricht Sie am meisten an?

 

Als Buch empfehle ich Ihnen: 
Imagination als heilsame Kraft (Autorin: Luise Reddemann, erschienen im Klett-Cotta-Verlag, 2017)

 

Der Einsatz lohnt sich. Denn wenn dieser Wohlfühlort einmal gefunden ist, fühlt es sich grossartig an!

Ich wünsche Ihnen innere Ruhe und Ausgeglichenheit und viel Freude beim Ausprobieren.

 

Herzlich

Claudia Jost

 

 

Download
Übungsblatt - innerer sicherer Ort finden
Uebung_innerer-sicherer-Ort.pdf
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