Grüne Inseln schaffen

 1. Probleme einer Person im Alltag beschreiben

 

Eine meiner Klientinnen (Frau S.) arbeitet wie eine emsige Ameise. Und dies schon ihr Leben lang. Sie macht und tut, nichts ist ihr zu viel. Sie ist für alle da, sagt nie nein und will es allen recht machen. Frau S. führt dieses Verhalten seit Jahrzehnten so fort. Da sie nicht nein sagen kann, wird sie sehr oft und immer wieder von Mitmenschen für alles Mögliche angefragt.

Eigentlich spürt Frau S. schon seit längerem, dass etwas nicht stimmt. Sie fühlt sich unwohl, gereizt und nicht verstanden. Dabei ist sie sich unsicher, ob sie sich diese Symptome nur einbildet?

Der äussere Druck von Arbeit/Familie/Verein ist vorhanden. Beim Job fanden Umstrukturierungen statt. Sie übernahm intern eine Abteilungsleitung, war aber von Anfang an überfordert. Es kam zu Fluktuationen und die Arbeit der freien Stellen wurde zusätzlich auf die Anwesenden übertragen.

Frau S. ist geschieden, hat die beiden Kinder von klein auf alleine aufgezogen und arbeitete in einem 60%-Pensum, auch als die Kinder noch ganz klein waren. Im Frauenverein turnt sie vor, was Frau S. eigentlich gerne macht, aber auch immer Vorbereitung und Anwesenheit benötigt. Hinzu kommt der innere Druck, alles perfekt machen zu müssen, sich keine Fehler zu leisten um ja nicht kritisiert zu werden. Wer möchte sich schon unbeliebt machen oder sich eine Schwäche anmerken lassen?

 

Aber warum sind nun plötzlich hoher Blutdruck, Magenbeschwerden und Schlafprobleme zum Vorschein gekommen? Das kann doch gar nicht sein. Und der Zeitpunkt ist denkbar schlecht, hat sie doch gerade momentan so viel zu tun. Dann plötzlich zeigte sich ein lästiger Schwindel, welcher trotz Behandlung nicht besserte. Frau S. kämpfte zusätzlich mit unkontrollierbaren Weinkrämpfen.

Frau S. hörte nicht auf ihren Körper, wollte die Symptome nicht wahrhaben, riss sich zusammen und arbeitete mit allerletzter Kraft in ihrer Routine weiter. Die permanente Überlastung forderte ihren Tribut. Der Leidensdruck wurde zu gross und plötzlich ging gar nichts mehr: Frau S. hat einen Zusammenbruch erlitten. Diagnose: Erschöpfungsdepression.

Frau S. wurde krank geschrieben. Es folgte ein Klinikaufenthalt in einer Reha-Klinik. Die Therapien haben Frau S. gutgetan und nach 6 Wochen durfte sie wieder nach Hause, war aber weiterhin krank geschrieben.

 

2.    Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können

 

Sich frühzeitig vor einer Erschöpfung zu schützen ist vergleichsweise einfach als sich von einem manifestierten Verlauf einer Erkrankung zu erholen. Doch wie kann man eine Erschöpfung frühzeitig erkennen? Ein erstes Anzeichen kann die Unzufriedenheit sein. Oder sich bewusst werden, dass man sich selber etwas vormacht.

Wird die Unzufriedenheit ernst genommen, gehandelt und werden entsprechend Veränderungen vorgenommen, kann eine Erschöpfung verhindert werden. Wenn jedoch nicht gehandelt wird, kommen die Gefühle von gelähmt sein, Opfer sein, keine sinnvollen Lösungen zu finden.

Es geht darum, sich bewusst zu werden wie es soweit kommen konnte. Was treibt mich an? Welches sind meine inneren Überzeugungen und Werte?

Beim Beispiel von Frau S. war viel Ehrgeiz mit dabei. Sie glaubte, dass Leistung Anerkennung bedeutet und dass Anerkennung mit Liebe zu tun hat. Liebe kannte sie aus ihrer Kindheit kaum. In ihrer Jugend musste sie sehr viel arbeiten. Sie musste auf dem Bauernhof mithelfen und auf die kleinen Geschwister aufpassen. Für Spiel, Spass oder Erholung blieb wenig Zeit.

Frau S. hat einen älteren Bruder, welcher Karriere machte. Ihm nachzueifern um auch als gut und wertvoll zu gelten veranlasste sie unbewusst, sich immer mehr anzutreiben.

Ihre Überzeugungen waren: Ich genüge nicht. Streng dich an. Ich muss funktionieren. Nur wer leistet ist etwas Wert. Ich muss für andere da sein. 

Beispiel eines ausgefüllten Wochenplans (siehe Download unten auf der Seite)
Beispiel eines ausgefüllten Wochenplans (siehe Download unten auf der Seite)

 

So habe ich nach dem Klinikaufenthalt mit Frau S. besprochen, wie zu Hause die weitere Genesung verlaufen kann. Wie die Tage gestalten? Wie viel Energie für was einsetzen? Was will Frau S. wirklich? Am Effektivsten ist es, an den Glaubenssätzen zu arbeiten. Zu wissen ich genüge, auch wenn ich noch krankgeschrieben bin, war für Frau S. gar nicht so einfach und mit dem Gefühl «versagt zu haben» verbunden.

Die grösste Herausforderung war jedoch, sich freie Zeit einzuplanen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Wir nennen dies «grüne Inseln schaffen» in denen Frau S. pro Tag eine Stunde Zeit einplant und sich etwas Gutes tut.

Zusätzlich haben wir 2 Mal täglich Atemübungen abgemacht, welche Frau S. in der Klinik gelernt hat. Sie zählt beim Einatmen auf 8 und beim Ausatmen auf 10. Das Zählen unterbricht das Nachdenken über die Vergangenheit und über die ungewisse Zukunft. Kommen Gedanken hoch, so nimmt Frau S. diese wahr, lässt sie jedoch wieder los und konzentriert sich auf die Atmung.

 

Es besteht ein guter Kontakt zu Freundinnen, welche Verständnis zeigen und sich mit gut gemeinten Ratschlägen zurückhalten. Zu ihren beiden erwachsenen Kindern hat sie ebenfalls einen sehr guten Kontakt.

Frau S. hat in der Zeit vor ihrem Zusammenbruch nicht mehr regelmässig gegessen und hauptsächlich Fertigprodukte konsumiert. Sie hat auch dementsprechend zugenommen. Nun achtet Frau S. auf eine gesunde Ernährung, kocht wieder selber und nimmt sich die Zeit dazu. Dabei richtet sie sich nach der bewährten Lebensmittelpyramide und macht Intervallfasten (12h keine Nahrung).

Frau S. hat sich nur ganz langsam erholt. Ihr Körper benötigte viel Zeit, Ruhe und Schlaf. Die Betätigung musste dem Zustand angepasst werden. Die Genesung erstreckte sich über Monate. Frau S. hat auf schmerzliche Weise gelernt, sich selber ernst zu nehmen, sich abzugrenzen und für sich selber einzustehen.

 

3. Eine Aufgabe an Sie persönlich

 

Wie schützen Sie sich vor Erschöpfung? Gönnen Sie sich genügend Erholung? Was für Strategien haben Sie bei Gereiztheit, Unzufriedenheit und Überforderung? Können Sie einfach mal die Seele baumeln lassen?

Als Hilfestellung haben Sie die Möglichkeit, HIER meine Vorlage für einen Wochenplan runterzuladen und sich selber „grüne Inseln“ zu schaffen. Schreiben Sie sich pro Tag eine Stunde ein während der Sie sich aus dem Alltäglichen rausnehmen. Machen Sie in dieser Stunde etwas das Ihnen gut tut, sei es Sport/Bewegung, Hobby pflegen, Meditation, Treffen mit guten Freunden, usw.

Ein sehr hilfreiches Buch mit Selbsttest und vielen Ideen zur Prophylaxe: 

Depression und Burnout überwinden: Das Praxisbuch zur Selbsthilfe um den Weg zurück ins Leben zu finden.

 

Als Inspiration zum Thema „grüne Inseln“ habe ich Ihnen HIER ein YouTube-Video verlinkt. Es soll zu Hause etwas Ferienstimmung verbreiten.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Sommerzeit und danke für Ihr Interesse.

 

 

Herzliche Grüsse
Claudia Jost

 

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Wochenplan
Wochenplan_Claudia-Jost.pdf
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