Zurück zur Lust am Leben

1. Die Probleme einer Person im Alltag beschreiben

Eine junge Klientin (ich verwende nachfolgend den erfundenen Namen Frau Jung) äussert schon seit Monaten, wie sehr ihr der Alltag keine Freude mehr mache. Der Tag verlaufe immer im selben Modus, alles sei vorprogrammiert. Sie ist sich bewusst, dass sie es ist, welche ihren Tag so komplett durchstrukturiert. Unklar ist ihr jedoch weshalb sie dies macht.

Das Thema kommt in unseren Gesprächen immer wieder zum Vorschein. Es ist spürbar wie sehr Frau Jung darunter leidet und doch nicht weiss wie sie die Situation ändern soll.

In ihrem Leben gibt es einige Einschränkungen. In den Keller gehen, an einem Waldrand entlanglaufen – ganz zu schweigen in den Wald hineingehen – oder an einer stark befahrenen Strasse entlanggehen sind alles Dinge, die Fr. Jung nicht machen kann. Es sind Orte die sie vermeidet.

Auch in grossen Menschenmengen oder bei persönlichen Gesprächen kommen ungute Gefühle, Angst, körperliche Reaktionen bis hin zu Panik- oder Fluchtgedanken hoch.

Frau Jung «verräumt» ihre Gegenstände, Sachen die herumliegen und auch Abfall hinter den Sofakissen, in Säcken oder in den Ecken. Diese Orte sind in ihrem Kopf ausgeblendet. Sie nimmt diese „versteckten Sachen“ nicht mehr wahr.

Durch dieses Verhalten sammelt sich einiges in der Wohnung an. Doch woher kommt dieses Wegschieben hinter Kissen, in Säcke, in Ecken? Nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn?

Die Klientin hat in ihrer Kindheit Missbrauch erlebt über den sie bis heute nicht spricht. Auch nicht mit ihrer Therapeutin. Sie komme aus einem „emotional kalten Haus“, hat in der Schule Mobbing erlebt und fühlt sich von klein auf alleine, überfordert und schutzlos.

Es zeigt sich im Leben dieser jungen Frau ein sehr stark kontrollierender Persönlichkeitsteil. Der Kontrolle-Teil in ihr zeigt sich bei Neuem, Unbekanntem oder wo sie negative Erfahrungen gemacht hat. Er wittert Bedrohung und übernimmt die Führung.

So ist es Frau Jung nicht möglich, spontan etwas zu unternehmen oder auf Handlungen flexibel zu reagieren. Vorprogrammiertes Handeln gibt eine scheinbare Sicherheit, um unerwarteten Ereignissen aus dem Weg zu gehen.

Und doch hat der Kontrolle-Teil seinen guten Grund im Leben dieser Frau zu sein: Die Kontrolle beschützt die verletzten Persönlichkeitsteile.

Wird ein schwieriges Thema angesprochen, so wird das innere System der Klientin in Alarmbereitschaft versetzt. Sie sitzt dann stumm da, mit starrem Blick und nimmt Aussen jede Regung wahr. Schwierige Themen prallen ab. Frau Jung spricht dann nicht oder lenkt auf alltägliche Dinge ab. Es ist ein Wegschieben schmerzender Themen, so wie die Gegenstände hinter den Kissen, in den Ecken und Säcken.

 

2. Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können

Ich wertschätze diesen kontrollierenden Persönlichkeitsteil von Frau Jung. Ich sage diesem Kontroll-Teil, er habe sehr wohl seine Berechtigung sich zu zeigen und wolle ja nur das Beste für Frau Jung, was ja früher wirklich angebracht war. Doch nun sei die Klientin erwachsen, in Sicherheit, und benötige keine so starke Beschützung mehr von ihm. Er solle auf jeden Fall bleiben, er werde gebraucht, jedoch um auf reale Gefahren aufmerksam zu machen.

Für die Klientin war es zu Beginn schon aussergewöhnlich, wenn ich mit diesem kontrollierenden Teil in ihr sprach. Doch sie nahm dadurch eine positive Veränderung wahr. Sie konnte besser durchatmen, spürte weniger Druck in der Brust und fühlte mehr Ruhe.

Hinweis

Wie ich die verschiedenen Persönlichkeitsteile anspreche und in die gemeinsame Arbeit miteinbeziehe erzähle ich in meinem nächsten Blogbeitrag.

 

Gleichzeitig kamen vermehrt Gefühle hoch, was die Klientin als unangenehm empfand. Die Gefühle wurden in der Kindheit verdrängt, zu intensiv und bedrohlich waren sie. Doch als Erwachsene lernt sie nun die anderen Seiten der Gefühle zu erkennen:

-       - Wenn wir Gefühle haben, so spüren wir Lebendigkeit.

-       - Gefühle sind wichtig für die Handlungsebene, geben uns Antrieb, Motivation um eine angenehme Gefühlslage zu erreichen oder umgekehrt, unangenehme Gefühle zu vermeiden. Als Beispiel kann das Gefühl von Wut sehr wertvoll sein, um aus einer scheinbar ohnmächtigen Situation herauszukommen.

-       - Gefühle geben uns Informationen über Menschen, Ereignisse und Situationen.

-       - Durch Gefühle kommunizieren wir mit anderen Menschen und Lebewesen.

 

Dies waren kleine Schritte, und doch tat sich im Leben von Frau Jung einiges:

-       - Sie nutzt wieder vermehrt ihr Trampolin, bewegt sich mehr.

-       - Sie ging zum Coiffeur, und liess sich eine neue Frisur schneiden, was sie jahrelang nicht mehr gemacht hatte.

-       - Sie ist weniger in sozialen Medien unterwegs und versucht vermehrt mit realen Freunden abzumachen und die Zeit mit ihnen zu verbringen.

-       -Frau Jung erzählt mehr von sich persönlich, ohne Angst zu haben sich blosszustellen.

 

Die Augen wirken strahlender, der Schlaf hat sich leicht gebessert und die Kilos sind etwas weniger geworden. Und wir konnten gemeinsam ihre «Verstecke» hinter den Kissen, in den Ecken und Säcken aufräumen.

So macht das Leben wieder mehr Freude, Fr. Jung sieht die Welt wieder bunter.

Die positiven Veränderungen geben ihr Kraft weiter dran zu bleiben.

 

3. Eine Aufgabe für Sie persönlich

Zeigen Sie Gefühle. Sprechen Sie nicht nur vom Wetter, den aktuellen Nachrichten und vom Nachbarn. Reden Sie mit vertrauten Personen über sich selber und hören sie aufmerksam zu, wenn Ihnen etwas erzählt oder anvertraut wird. Das ist Nahrung für die Seele!

Die Luzerner Psychiatrie lanciert bereits die zweite Kampagne um auf das Thema «Wie geht’s dir?» aufmerksam zu machen.
Hier der Link dazu: «Wie geht’s dir?» Thema Arbeit und psychische Gesundheit

 

Haben auch Sie versteckte Bereiche in ihrer Wohnung wo sich so einiges an Gegenständen angesammelt hat? So ähnlich wie versteckte Gefühle irgendwo im Inneren?

Dann ermutige ich Sie, diese Orte aufzuräumen. Fehlt Ihnen die Motivation? Dann hören Sie Ihre Lieblingsmusik von früher und drehen sie die Lautstärke auf. Lieblingsmusik ist positiv gespeichert, gibt Schwung und regt Sie an um beschwingt ans Aufräumen zu gehen.

Wenn ein Gefühl in Ihnen hochkommt: nehmen Sie dieses ernst, hören Sie nach innen und beobachten Sie was das Gefühl sagen will.

Das Buch «Das ABC der Gefühle» von Udo Baer und Gabriele Frich-Baer kann dabei hilfreich sein. Darin sind alle Gefühle verständlich erklärt.

 

Fazit:

Die Kontrolle zu haben im eigenen Leben ist sehr Wichtig. Doch zu viel Kontrolle ist geradezu kontraproduktiv. Es schränkt die Spontanität und Kreativität zu sehr ein.

Ich wünsche Ihnen viele farbenfrohe, fröhliche und ausgefallene Stunden.