Die inneren Persönlichkeitsteile kennenlernen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

1. Die Probleme einer Person im Alltag beschreiben

 

Gleich zu Beginn stelle ich Ihnen einige innere Persönlichkeitsteile von Frau Andrea Klar (Name geändert) vor und beschreibe danach in kurzer Form, weshalb diese Persönlichkeitsteile so entstanden sind.

 

  

Frau Klar hat 2 Geschwister welche 10 und 12 Jahre älter sind. Sie ist das Nesthäkchen der Familie. Bei ihrer ausserordentlichen Schönheit und ihrem enormen Charme hatte man sie sehr schnell lieb. Sie wird besonders von ihrem Vater stark verwöhnt und geliebt. Schon früh weiss sie, wie sie ihre Wünsche erfüllt kriegt, kann den Vater und die Angehörigen um den Finger wickeln. Durch ihren lebhaften Drang entwickelte Frau Klar schon früh ein Geltungsbedürfnis (Entstehung der Diva).

Mit 7 Jahren stirbt unerwartet der Vater. Auch die geliebte Grossmutter stirbt im selben Jahr. Dies waren prägende Verlusterlebnisse.

Die Mutter von Andrea Klar sei schon seit Beginn ihrer Kindheit überfordert gewesen mit der Erziehung. Sie war mit sich selber beschäftigt, habe ihre Tochter eher als Freundin anstatt als junge Tochter betrachtet und habe keine Grenzen gesetzt. Eine gesunde Nähe und Bindung fand nicht statt. Zuhause habe wenig Struktur geherrscht, sei es beim Essen, Haushalt, zu Bett gehen. Dies löste starke Unsicherheiten und Angst aus, mit dem Bedürfnis nach Kontrolle.

In der Schule sei sie als schwierig eingestuft worden. Andrea wurde bezüglich Hochbegabung und ADHS abgeklärt. Beides war vorhanden, jedoch nicht in ausgeprägter Form. Die neben der hohen Auffassungsgabe ebenfalls sehr hohe Hyperaktivität wurde jedoch nicht behandelt.

 

Mit 12 Jahren hat sie zwei Missbräuche erlebt. Auch da habe sie ihre Mutter nicht in Schutz genommen, gab sogar ihr die Schuld. Mit 13 Jahren hat Andrea neben der Sekundarschule zwei Jobs – um sich Kleider, Schmuck und Accessoires zu kaufen.

Das Zusammenleben mit der Mutter sei geprägt gewesen von Abhängigkeit, Schuldzuweisungen, Versagensgefühlen. Ihre Mutter habe oftmals nicht eingehalten was sie versprochen habe. Auch widersprüchliche Äusserungen von der Mutter führten zu grosser Unsicherheit bei Frau Klar. Sie traute sich dadurch immer weniger zu. Bei Streit mit der Mutter kommen Gefühle der Wertlosigkeit in ihr hoch. Der Wertlose-Teil in ihr lässt sich dann nicht trösten.

Frau Klar versucht immer mehr die Kontrolle zu behalten in ihrem Leben und entwickelt einen Perfektionismus. Die Handelsschule hat Frau Klar knapp bestanden. Sie lernte auf den letzten Drücker. Nur unter viel Stress und enormem Druck kann sie Sachen erledigen. Dies führte sukzessive zu einer Überforderung.

Frau Klar hat ein enormes Gespür für andere Menschen. Sie kann sich sehr gut einfühlen, zeigt grosse Empathie, ist äusserst feinfühlig und grosszügig. Die Aufmerksame ist sehr ausgeprägt und man fühlt sich in der Nähe von Frau Klar sehr wohl, fühlt sich geschätzt und verstanden. Auch hat sie etwas Mitreissendes, ihre Lebensintensivität ist sehr ansteckend.

 

All ihre Unsicherheiten kompensierte Frau Klar schon früh mit ihrem schönen Aussehen, sie hat auch als Model gearbeitet. Ein gutes Auge für Mode hatte sie schon sehr früh und sie war seit Schulzeit immer perfekt und stilsicher gekleidet. Diese Kompensation klappte über Jahre sehr gut. Andrea wurde bewundert und war begehrt. Das Gefühl im Mittelpunkt zu stehen lenkte von der inneren Leere ab.

Mit 18 Jahren wurde die Diagnose ADHS und Depression gestellt. Das Antidepressivum führte zu Übergewicht, was die Wertlosigkeit verstärkte.

Mit 21 Jahren, auf einer grossen Reise, kamen einige schlimme Ereignisse zusammen. Sie fühlte sich ausgeliefert, machtlos. Dies erlebte Frau Klar existenziell, sie glaubte an Bakterien zu erkranken und zu sterben. Daraus entwickelte sie Strategien um mit diesen massiven Ängsten umzugehen. Der Zwang entwickelte sich auf der Gedanken-, Gefühls- und Verhaltensebene.

Der Ablenkende-Teil will nichts mit all dem zu tun haben. Er zeigt sich im Aussen indem Frau Klar vergisst zu essen, Netflix-Serien schaut, zu müde ist um sich die Zähne zu putzen, nicht zu Bett geht, und schlussendlich auf dem Sofa einschläft. Der Schlaf ist dadurch stark beeinträchtigt und der Körper schmerzt vom unbequemen Liegen auf dem Sofa.

Durch das Aufschieben der Arbeiten erhöhen sich die Pendenzen, welche sich anhäufen und die ganze Situation verschlimmern.

Auch die finanzielle Situation ist dramatisch, da sie trotz gutem Job und hohem Einkommen viel zu viel Geld für Schönes und Teures ausgibt.

 

Frau Klar war schon mehrmals in Behandlung bezüglich ihrer Ängste, Zwänge und Depressionen. Doch nichts habe wirklich funktioniert, weder stationär noch ambulant. Es zeigt sich dann der Hoffnungslose-Teil. Dieser lässt sich nicht auf ein Gespräch ein, blockt sofort ab, will nicht Verbesserungen, Veränderungen, Ursachen oder Lösungen angehen.

Der Erwachsene-Teil schlussendlich, welcher effektiv zuständig ist für die Lebensführung, ist nicht wirklich präsent. Er lässt fast alles mit sich geschehen. Doch eigentlich wäre er der Dirigent/Manager der gesamten Persönlichkeit von Frau Klar.

 

2. Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können

 

Wie bereits erwähnt, hat jeder Persönlichkeitsteil eine andere Gedanken-, Gefühls- und Verhaltensweise. Die inneren Konflikte sind gross und fühlen sich für Frau Klar als unüberwindbar an.

Doch was hat dies mit meiner Arbeit in der Unterstützung der Alltagsbewältigung zu tun? Sehr viel. Denn es ist nicht optimal mit dem Angst-Teil die Küche aufzuräumen, mit dem Perfektionisten einen Wochenplan zu erstellen oder mit der Überforderten die Kleider auszusortieren. Idealerweise, wenn es um die konkrete Umsetzung geht, arbeite ich mit dem Erwachsenen-Teil zusammen.

Doch wie gehe ich mit all diesen verschiedenen Persönlichkeitsteilen um?

Was mache ich, wenn ein Teil dominiert oder nicht kooperiert?

 

Wie schon im letzten Blog angedeutet spreche ich diese Teile konkret an.

Dies ist auf verschiedene Arten möglich. Hier drei Beispiele dazu:

-       Frau Klar möchte mir unbedingt ihre neusten Kleider zeigen, welche sie gekauft hat. Dies dauert dann eine Weile (anziehen, vorzeigen, ausziehen, nächstes Kleid…). Ich spreche sie darauf an: „Kann es sein liebe Frau Klar, dass sich hier Diva zeigt und unsere gemeinsame Zeit für sich in Anspruch nehmen möchte?“

-    Frau Klar möchte ihre Zwangshandlungen reduzieren und will versuchen eine Kirsche zu essen, welche einen kleinen Hagelschaden aufweist und sie deshalb befürchtet, sie könnte davon krank werden. Bei dieser Exposition zeigt sich eine starke Abwehr. Ich spreche Frau Klar, respektive den sich zeigenden Teil konkret an: “Liebe Kontrolle, es ist in Ordnung, dass du dich zeigst. Du hast Frau Klar sehr beschützt in ihrer Kindheit und das war auch gut so. Nun ist Frau Klar erwachsen und in Sicherheit.“ 

-       Wir strukturieren gemeinsam die Büroarbeiten anhand einer Prioriätenliste. Die Mahnungen und wichtigsten Rechnungen kommen als erstes dran. Als es um das Umsetzen geht, wirkt Frau Klar blass, schweigt, mag nicht mehr. Ich sage (da ich Frau Klar auch schon etwas länger kenne): “Hallo Überforderte. Ich weiss das du helfen willst, du meinst es ja gut. Es ist jedoch sinnvoller, wenn die Erwachsene zum Vorschein kommt und die Rechnungen einbezahlt, denn die Erwachsene hat die Übersicht.“ Wir befestigten einen Notizzettel unter dem Bildschirm „Hier arbeitet die Erwachsene“, was Frau Klar daran erinnert, mit dem Erwachsenen–Teil die Büroarbeiten zu erledigen.Dies klappt gut.

   

Ansprechen von Persönlichkeitsteilen habe ich bislang ausschliesslich positiv erlebt. Meistens stellt sich eine Erleichterung ein – in Form von besser atmen können oder der Milderung von körperlichen Symptomen. Es ist mir ein grosses Anliegen, möglichst wenig Druck auszuüben. Ich unterstütze, bin dabei, motiviere, versuche Sicherheit zu vermitteln. Aber durchführen muss es schlussendlich immer die betreffende Person.

 

3. Eine Aufgabe für Sie persönlich

 

Wenn von Persönlichkeitsteilen die Rede ist, so sprechen wir immer von einer Person. Das hat nichts mit Schizophrenie oder einer multiplen Persönlichkeit zu tun.

Wir alle haben mehr oder weniger verschiedene Teile in uns, die sich in einer Vielfalt an Verhaltungsweisen zeigen. Statt Teile können wir sie auch „Rollen im Leben“ oder „Stimmen in uns“ nennen. Sie entsprechen unseren Erfahrungen, Prägungen – sei es als Differenzierung unserer Persönlichkeit, als Verinnerlichung wichtiger Bezugspersonen wie z. B. der Eltern oder als Reaktion auf ein erlebtes Trauma.

Wie auch immer Sie es nennen möchten. Ich lade Sie sehr gerne ein, bei sich selber die Stimmen/Rollen/Teile zu entdecken. Sie können dazu gerne meine Vorlage benützen.

Sind die Teile harmonisch und greifen ineinander wie ein Puzzle?

Oder gibt es Gegensätzlichkeit und Konflikte?

Interessant ist es auch, mit diesen Teilen in sich zu sprechen, Hallo zu sagen und Fragen zu stellen.

Eine interessante Frage an einen der Persönlichkeitsteile kann sein: Was ist der gute Grund, dass du dich jeweils in gewissen Momenten zeigst? 

 

Haben Sie Lust mehr zu diesem Thema zu erfahren?

Dann empfehle ich Ihnen das Buch Reisen in die Innenwelt: Systemische Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen

 

Diese Art mit sich selber zu sprechen mag zu Beginn etwas befremdlich wirken, kann jedoch viel Interessantes, Unbewusstes oder Verdrängtes zum Vorschein bringen. Ich wünsche Ihnen viele spannende Momente beim Üben,Testen und In-sich-hören.

 

 

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Arbeitsblatt innere Landkarte
Auf diesem Arbeitsblatt können Sie Ihre eigenen Persönlichkeitsteile aufnotieren.
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