Das "innere Kind" in uns erkunden

  

1. Die Probleme einer Person im Alltag beschreiben 

Gefangen zwischen familiären und beruflichen Anforderungen, verbunden mit dem Wunsch nach mehr Autonomie, Freiheit und Selbstbestimmung. Das ist die Ausgangslage von Frau Lisa Lieb.

Der Name ist wie immer geändert.

 

Lisa Lieb wuchs in einer ländlich geprägten, mittelständischen Familie auf. Ihr Vater führte ein Lebensmittelgeschäft. Die Mutter habe viel im Laden mitgeholfen, die Kinder waren oftmals alleine. Der Sonntag sei jeweils kein besonders schöner Tag gewesen, dann führten die Eltern die Kassenabrechnung durch. Der Stubentisch sei voller Zettel und die Stimmung meist

angespannt gewesen.

 

Von klein auf mussten Lisa Lieb und ihre Geschwister Normen erfüllen: Nur mit bestimmten Kindern spielen, nie laut sein, weder drinnen noch draussen. Auch mussten sie immer freundlich zu anderen Dorfbewohnern sein, da diese mehrheitlich Kunden waren. Das Geschäft dominierte den Alltag, Gefühle waren nicht angebracht.

Im Elternhaus hätten ganzjährlich winterliche Verhältnisse geherrscht, emotional karg und kalt sei es gewesen.

Als Älteste von vier Kindern musste sie früh Verantwortung übernehmen, welche jedoch selten altersgerecht war. Sie sei immer pflichterfüllend gewesen, habe die eigenen Bedürfnisse nicht wahrgenommen.

 

Sie heiratete sehr jung, gebar zwei Kinder. Auch nach den Geburten arbeitete sie jeweils drei Tage die Woche in der Praxis ihres Mannes mit, welche sich im gleichen Haus befindet. Wenn ihr Mann Notfalldienst hat, klingelt auch heute noch sehr oft das Telefon. Sie koordiniert dann jeweils die Einsätze.

Lisa Lieb ist sich gewohnt, für andere da zu sein, deren Bedürfnisse wahrzunehmen, ohne dass die Wünsche ausgesprochen werden müssen. Sie habe immer gegeben, nie genommen. Ihre Tochter habe sich zu sehr an diesen Zustand gewöhnt. Sie sei sehr fordernd ihr gegenüber, lebt noch zu Hause, sie als Mutter könne sich nicht abgrenzen. Ihr Sohn sei ausgezogen, komme regelmässig zum Essen nach Hause, und bringe ihr die Schmutzwäsche zum Waschen mit. Es sei für sie selbstverständlich, auch heute noch die Wünsche der Kinder zu erfüllen.

 

Heute ist Lisa Lieb 58 Jahre alt. Sie äussert Überforderungs- und Erschöpfungsgefühle, es zeigen sich depressive Symptome. Sie pflegt keine sozialen Kontakte, ist in ambulanter psychiatrischer Behandlung. Lisa Lieb spürt nun selber, wie sehr sie die Grenzen der persönlichen Belastbarkeit überschritten hat, sie sich gegenüber den Ansprüchen ihrer Umgebung nicht abgrenzen kann. Es sind Gefühle der Minderwertigkeit vorhanden, das Gefühl, ausschliesslich für die Familie verantwortlich zu sein.

 

Die Ziele unserer gemeinsamen Arbeit sind:

  • Frau Lieb nimmt an einer sozialen Aktivität teil.
  • Sie hat eigene „Inseln“, das heisst, einen Ausgleich zur Familie und Arbeit. Sehen Sie dazu auch den Blogbeitrag von Juli 2019 „grüne Inseln schaffen“.
  • Frau Lieb kann sich vermehrt abgrenzen von den Forderungen und Wünschen anderer, insbesondere gegenüber der Tochter.
  • Frau Lieb erkennt vermehrt eigene Wünsche und Bedürfnisse und setzt diese um.

Bereits kleine Veränderungen lösen das Gefühl der Überforderung und Bedrohung aus. Bei kleinen Schritten zeigen sich massive Ängste und Misstrauen. Lisa Lieb glaubt, ihr Ehemann würde sie verlassen, wenn sie sich mehr Freizeit gönnt.

Der Ehemann hingegen versicherte seiner Frau und uns Fachpersonen, dies sei nicht der Fall, er unterstütze seine Frau zu mehr Autonomie. Lisa Lieb kann das nicht glauben und ist weiterhin überzeugt, verlassen zu werden. Es zeigt sich eine starke Abhängigkeit zu ihrem Ehemann, sie traut sich selber kaum etwas zu.

 

Ein Vertrauensverhältnis aufzubauen war zu Beginn schwierig. In der gemeinsamen Arbeit zeigte sich Lisa Lieb misstrauisch, beobachtete mich kritisch und wertete jede meiner Aussagen stark. Sie glaubte, von mir sabotiert zu werden. Siehe dazu den Blogeintrag vom November 2019 zum Thema „Glaubenssätze“.
Anderseits ist sie eine äusserst liebevolle Person, hat sehr viele Ressourcen. Im Umgang mit mir und anderen Mitmenschen ist sie sehr liebevoll, man fühlt sich in ihrer Nähe wohl. Frau Lieb ist sehr gepflegt, mag Musik, Natur und Tiere. 

Diese Ambivalenz galt es auszuhalten und damit umzugehen.

 

Nach einiger Zeit schaffte es Lisa Lieb, sich in den Zug zu setzen und ohne konkretes Ziel los zu fahren. Dies löste viel Gutes aus, freudig erzählte sie mir davon. Einfach im Zug sitzend, aus dem Fenster zu schauen, andere Mitreisende zu beobachten, ohne dabei etwas tun zu müssen. Es habe ihr so gut getan, Sitzen und Schauen. Einfach sein. Dies war die Initialzündung für eine Veränderung.

Von diesem Tag an war Lisa Lieb offener für Gespräche und kleine Veränderungen. Das Misstrauen war verschwunden. Sie sprach über ihre Kindheit, und wie sehr sie das Leistungsdenken der Eltern geprägt hat. Sie setzte sich mit ihrer Kindheit auseinander, mit ihrem inneren Druck, der Angst und unterdrückter Trauer.

 

 

2. Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können 

Um sich mit dem inneren Kind auseinandersetzen, bedarf es einer inneren Bereitschaft. Bereit zu sein, als Erwachsene von heute eine Verbindung zu den Gefühlszuständen der eigenen Kindheit herzustellen. Sich von den alten, negativen Glaubensätzen und Verhaltensweisen von damals zu befreien. Bereit sein, Selbstverantwortung zu übernehmen.

 

Häufig, wie in diesem Fallbeispiel, ist zu Beginn ein Widerwille da, ein Misstrauen, sich für Veränderungen zu öffnen. Der Wunsch ist da und man spürt ihn ganz deutlich, und doch ist der Anfang so schwer. Weshalb ist das so?
Die frühere Erfahrung der Ablehnung, nicht genügend gehört, nicht gesehen zu werden, steckt tief im Innern der Persönlichkeit. Sich als erwachsene Person dem eigenen inneren Kind hin zu wenden, kann deshalb zu Beginn verwirrend und beängstigend sein.
Nach meiner Erfahrung macht es Sinn, das innere Kind wie ein tatsächliches Gegenüber anzusprechen. Dies ist zu Beginn ungewohnt, doch die Auseinandersetzung mit dem inneren Kind hilft, an verdrängte Gefühle, Fähigkeiten und Eigenschaften zu gelangen, an die man sich als Erwachsene kaum mehr erinnert.

So hat sich auch Lisa Lieb intensiv mit ihrer Kindheit auseinandergesetzt, die Psychotherapie weitergeführt und viel an sich gearbeitet. Sie ist immer noch sehr für ihre Familie da und arbeitet nach wie vor 60% in der Praxis mit. Sie hat jedoch ihre eigenen „Inseln“ gefunden, trat dem Frauenverein bei, geht täglich spazieren und kann auch mal nein sagen. Das von ihrem Mann geschenkt bekomme GA nutzt sie für wöchentliche Ausflüge mit dem Zug.

 

3. Eine Aufgabe für Sie persönlich

Wir alle haben kindliche und erwachsene Persönlichkeitsteile in uns, bewusste und unbewusste.
Solange eine Spaltung vom „Erwachsenen-Ich“ und „Kindheits-Ich“ besteht, können verdrängte, unbewusste Gefühle unser Leben erschweren. Sei dies Rückzug aus Angst vor Verletzung durch Mitmenschen, Verlassenheitsgefühle, Gefühl der Unzulänglichkeit, Wutausbrüche, Funktionieren müssen im Alltag, sich schuldig fühlen, impulsive Handlungen, zwischenmenschliche Probleme, keine eigenen Grenzen spüren, Kontrollzwang usw.

Die Aussöhnung mit dem inneren Kind lohnt sich deshalb sehr. Doch Vorsicht: Kommen sehr starke, unkontrollierbare Gefühle hoch, so rate ich Ihnen dringend, Hilfe durch eine Psychotherapie anzunehmen.

 

Wenn Sie sich mit dem inneren Kind beschäftigen, so werden Sie vermutlich feststellen, dass es verschiedene Gefühlszustände gibt, welche in verschiedenem Alter und Erlebnissen entstanden sind. Wie zum Beispiel das "verletzte Kind", das "fröhliche Kind", das "verlassene Kind", das "ungesehene Kind" usw.

 

Um es möglichst einfach zu halten, hat Stefanie Stahl in ihrem Buch „Das Kind in Dir muss Heimat finden“ die inneren kindlichen Gefühlszustände in Sonnenkind und Schattenkind unterteilt.

Sie ist, was dieses Thema anbelangt, eine führende Psychotherapeutin in Deutschland.
Ihr Buch ist äusserst spannend geschrieben, gut verständlich und gespickt mit vielen Übungen.

Stefanie Stahl hat zusätzlich ein Arbeitsbuch geschrieben. Ich persönlich kenne es nicht, aber eine Klientin von mir arbeitet damit und empfiehlt es weiter.

 

Oder interessieren Sie sich für einen Video zur Heilung vom inneren Kind? Dann empfehle ich ihnen dieses kraftvolle YouTube-Video.

  

Ich hoffe sehr, dieser Blog hilft Ihnen dabei, die eigenen, inneren Persönlichkeitsteile vermehrt zu verbinden, und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Ganz nach dem Motto vom griechischen Philosopen und Dichter Pindar: „Werde, der du bist.“