Eine Perle zum Abschied

1. Die Probleme einer Person im Alltag beschreiben

 

Sybille Furrer * sitzt mir gegenüber und weint bitterlich. Ich bin überrascht. Weshalb weint sie wohl so sehr? So habe ich sie noch nie erlebt. Da muss schon etwas Schlimmes vorgefallen sein. Was bedrückt sie? Ruhig sitze ich neben ihr, bin einfach da und warte ab.

*Name ist geändert

 

Wir kennen uns seit gut zwei Jahren. Damals hat mich Sybille Furrer angefragt, ob ich sie in der Alltagsbewältigung unterstütze. Sie sei sehr geräuschempfindlich und könne deswegen nur an guten Tagen staubsaugen. Draussen sei sie oft reizüberflutet, das Einkaufen und Termine einhalten sei für sie erschwert. Aktuell sei das Duschen nicht möglich, die Wassertropfen auf ihrer Haut triggern zu sehr. Mit der Tagesplanung komme sie nicht zurecht, sie esse unregelmässig, habe Albträume und der Haushalt überlaste sie.

 

Sybille Furrer hat in ihrer Kindheit Vernachlässigung, sexuellen Missbrauch und Gewalt erlebt. Mit neun Jahren wünschte sie sich, sterben zu können. Kein Suizid, sondern einfach tot umzufallen.
Sie fühlte sich im Stich gelassen, von der Familie, dem Umfeld und auch von Gott. Bis vor kurzem empfand sie das Leben als Kampf, funktionierte im Alltag und nahm ihre Gefühle nicht wahr.

 

Seit 3 Monaten gehe ich wöchentlich bei Sybille Furrer vorbei, wir arbeiten intensiv an den Alltagsthemen und deren Umsetzung. Sie nimmt meine Unterstützung dankbar an, macht sehr gut mit, die Verbesserungen spornten zusätzlich an. In kurzer Zeit hat Sie schon einiges erreicht. Sybille Furrer ist sehr willensstark und will ihr Leben wieder besser geregelt bekommen. In der Psychotherapie bespricht sie ihre traumatische Kindheit und arbeitet diese schrittweise auf.

 

Unter Schluchzen und mit stockendem Atem erklärt sie mir nun, was sie so sehr bedrückt. Sie sei seit Jahren alkoholabhängig, trinke täglich durchschnittlich zwei Flaschen Weisswein und habe es allen Mitmenschen verschwiegen. Niemand wisse davon, bis zum heutigen Tag. Sie habe getrunken, um den inneren, schweren  Zustand auszuhalten. Es sei jedoch eine Flucht vor ihren Gefühlen, dies sei ihr sehr wohl bewusst.

 

Es gebe jedoch einen bestimmten Grund, weshalb sie ihr Geheimnis jetzt preisgebe:
Sie spüre Transparenz, Wärme und Offenheit von der Psychiaterin und von mir. Dieses zunehmende Vertrauen und die stabile Beziehung zu uns erlebe sie als sehr angenehm. Auch sie wolle uns gegenüber authentisch sein, uns und sich selber nichts mehr vormachen, kein doppelbödiges Leben mehr führen.

 

Diese Rückmeldung kommt für mich unerwartet. Einerseits freut es mich, wenn man mich als authentisch wahrnimmt. Dass ich aber ihre Alkoholsucht nicht bemerkt habe, macht mich nachdenklich. Wie konnte mir dies nur entgehen? Nun ja, Sybille Furrer pflegt sich gründlich und duftet gut. Bei all den Besuchen stand nie eine Weinflasche herum. Die Rötung in ihrem Gesicht ist mir zwar aufgefallen. Dies sei eine Rosazea, welche ja auch tatsächlich diagnostiziert worden ist.

 

2. Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können

 

Psychiatrische Pflege ist Beziehungspflege.
Vertrauensaufbau, Transparenz, auf Augenhöhe sein, das ist wesentlich in der gemeinsamen Arbeit. Eine gute Beziehung ist das Fundament, auf dem miteinander gearbeitet werden kann. Das ist nicht nur auf der Baustelle so, sondern auch in der psychiatrischen Pflege.

 

Ich höre oft unglaublich schwere Lebensgeschichten, wie im Beispiel von Sybille Furrer, und staune, was trotz vielen starken Prägungen und Traumas aus den jeweiligen Menschen wird. Die Entstehung einer Perle** dient mir dafür als Metapher, wie mit Schwierigkeiten im Leben umgegangen werden kann.

 

**Wie entsteht eine Perle? Wenn ein Fremdkörper,- z. B. ein Sandkorn - in die Muschel eindringt und von Mantelgewebe umschlossen wird, sondert dieses Perlmutt rund um den Fremdkörper ab: Es bildet sich eine Perle.

 

Der Fremdkörper symbolisiert die vielen traumatischen Erlebnisse im Leben. Dieser wird ummantelt mit schimmernden, dünnen Perlmuttschichten, in Form von Ressourcen, Fähigkeiten und Bewältigungsstrategien, welche die betreffende Person im Leben entwickelt. Daraus entsteht dann eine individuelle Perle.

 

Wenn eine Beziehung entsteht und Vertrauen wächst, so passiert jeweils etwas ganz speziell Schönes: Der Mensch öffnet sich und zeigt sich in seiner gesamten Persönlichkeit. Wie eine Muschel am Meeresboden, die sich öffnet und eine Perle zum Vorschein bringt -leuchtend, klar, intensiv- und wunderschön anzusehen. So ist es auch im Beispiel von Sybille Furrer, welche sich öffnet und so ihre Verletzlichkeit, Ängste und Alkoholsucht zeigt. Aber auch Ihre Schönheit, Kraft und Willensstärke.

 

Teilhaben dürfen am Leben von anderen Menschen, so wie bei Sybille Furrer und allen anderen über 100 Klientinnen und Klienten, welche ich in den letzten 12 Jahren betreut habe, ist nie selbstverständlich. All die intensiven Gespräche zeugen von Vertrauen und einer guten Beziehung, und dafür möchte ich mich sehr bedanken. 

 

 

Allen meinen Klienten, welche ich bis Ende März 2020 betreut habe, schenke ich eine reale Perle als Abschiedsgeschenk. Als Dankeschön für die Offenheit, das Vertrauen, für das Lachen. Aber auch für die weniger einfachen Stunden, für alle Tränen, für das nie Aufgeben und immer wieder Aufstehen. Schlussendlich haben Sie auch mein Leben wesentlich mitgeprägt, bereichert und erweitert. Ich durfte viel lernen und wachsen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich behalte Sie in meinem Herzen. Dieser Blog ist Ihnen allen gewidmet.

 

3. Eine Aufgabe, diesmal an mich persönlich

 

In der psychologischen Online-Beratung möchte ich weiterhin Menschen auf ihrem Weg begleiten, Beziehungen aufbauen und gezielt zusammen arbeiten. Ein Video-Call ist nicht das gleiche, wie ein persönliches Treffen, das bin ich mir bewusst. Und trotzdem ist es möglich, auch per Skype eine gute Beziehung aufzubauen. Meine Erfahrungen seit Frühjahr 2019 in der Online-Beratung sind durchaus positiv verlaufen.

 

Neu habe ich einen digitalen Flyer erstellt, Sie können ihn gerne herunterladen. Sie können auch ein oder mehrere Exemplare direkt bei mir unter Kontakt anfordern.

 

Sie interessieren sich für meine Tätigkeit in der psychologischen Online- Beratung?
Dann schauen Sie bei claudia-jost.ch rein, da erfahren Sie mehr über meine Arbeit.


Unter häufige Fragen habe ich die immer wieder gestellten Fragen beantwortet.

 

Falls Sie mein Leben im Camperbus interessiert, so können Sie mir gerne über mein Instagram-Profil worklifebus folgen.

 

PS: 

Auch allen anderen Menschen, die ich kenne und mit denen ich zusammen arbeite, schenke ich mit diesem Blogbeitrag eine metaphorische Perle. Möge es Ihnen gut gehen in dieser Pandemie-Zeit, tragen Sie stets Sorge zu sich.