Über die Angst und was sie mit uns macht

1. Die Probleme einer Person im Alltag beschreiben

Ella Fahrni* ist 45 Jahre alt, trägt schwarze Kleider, schwere Schuhe, hat Piercings im Gesicht und fällt auf. Zusätzliches Merkmal ist ihr Hund, ein 4 jähriger Pitbull Terrier.

 

Sie hat ihn im Tierheim gesehen und sich sogleich in ihn verliebt. Lenox gehört in die Kategorie der Listenhunde, und ist daher im Kanton Luzern registriert. Er ist ein unglaubliches Kaliber – mit dieser Kraft und Dynamik – das macht Respekt. Dass sein Vorbesitzer nicht gut zu diesem Tier schaute, macht Lenox unberechenbar.

 

Ella Fahrni will mir etwas zeigen. Voller Stolz holt sie einen grossen Knochen hervor, den Grössten, welchen sie im Tierladen finden konnte. Der Knochen ist etwa so gross wie ein Oberschenkelknochen eines ausgewachsenen Menschen. Sie gibt diesen Knochen Lenox, welcher ihn mit drei Bissen zerbeisst. Mich schaudert es. Mir kommen die furchtbaren Bilder schwer verletzer Kinder in den Sinn. Kinder, welche von agressiven Hunden attackiert wurden.

 

Frau Fahrni hält ihren Hund wie ein Schmusekätzchen, schläft mit ihm im Bett und gibt ihm exklusives Essen. Mit ihm an der Seite fühle sie sich auf der Strasse sicher. Lenox beschütze sie. Die Angst der Mitmenschen, wenn sie zur Seite gehen oder die Strassenseite wechseln, nimmt sie mit Genugtuung wahr.

 

Bei meinen wöchentlichen Einsätzen gewöhnte sich Lenox an mich, er liess sich gerne streicheln.
Ich liebe Hunde, doch bei Lenox blieb immer ein zwiespältiges Gefühl, eine gewisse Vorsicht. Einerseits sind da diese unglaubliche Kraft, Schnelligkeit und Intelligenz, andererseits dieses Gefühl der Unberechenbarkeit. Denn ich befürchte, wenn er zubeisst, würde er sich kaum mehr stoppen lassen.

 

Ähnlich ist es mit der Angst. Einerseits ist die Angst enorm wichtig um uns vor realen Gefahren zu schützen. Die Angst setzt Adrenalin, Cortisol und weitere Stresshormone frei und lässt uns blitzschnell reagieren um unser Überleben zu sichern.

Andererseits, wenn die Angst fehlgeleitet wird und sie unseren Verstand zu sehr vereinnahmt, kann die Angst grossen Schaden anrichten und unser Leben regelrecht zerfleischen.

 

Sie denken, dass ich übertreibe? Leider nein. Ich kenne Menschen, welche Angst haben draussen zusammenzubrechen und deshalb ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Menschen, die Angst haben versehentlich etwas Wichtiges wegzuwerfen und so ein ausgeprägtes Messie-Verhalten entwickeln. Menschen, die sich nichts mehr zutrauen, aus Angst sich blosszustellen und so den Kontakt zu Mitmenschen komplett abbrechen. Menschen, die zur Vermeidung der Angst ausgefeilte Zwangshandlungen durchführen, welche sich dramatisch verschlimmern, bis der Zwang ihr Leben völlig vereinnahmt.

 

Wie kann es soweit kommen, dermassen in den Teufelskreis der Angst zu geraten?
Neben einer genetischen Veranlagung, frühkindlichen Problemen, negativen Erfahrungen und bewertenden Gedankengängen kann es viele weitere mögliche Ursachen geben. Auch negative Glaubensmuster, welche wir von Kind auf erlernen, spielen eine grosse Rolle. Es kann zu unterschiedlichen Angststörungen kommen wie Phobien, Zwangsstörungen, Panikattacken bis hin zu einer Persönlichkeitsveränderung.
Sie interessieren sich, was bei Angst körperlich und hirnorganisch vor sich geht? Wenn Sie dies und noch vieles mehr erfahren möchten, dann empfehle ich Ihnen das Praxisbuch „Angst selbst bewältigen“ von Dr. med. Dietmar Hansch. Den Link dazu finden Sie ganz am Schluss.

 

Was passiert bei übermässiger Angst?

  • Zu Beginn ist ein Auslöser: z.B. einer Frau mit Pitbull-Terrier auf der Strasse begegnen.
  • Dies löst ein Zusammenspiel von Angstreaktionen aus:
    • Der Körper kommt in eine Stresssituation (z.B. Zittern am ganzen Körper).
    • Bedrohliche Gedanken verstärken sich (z.B. „Hilfe, der Hund greift mich an“).
    • Es kommen unerträgliche Gefühle der Ohnmacht hoch, eine übermächtige Angst, die Kontrolle zu verlieren.
    • Es folgt das Verhalten in Form einer Bewältigungsstrategie
      (z.B. Flucht, Zwangshandlung, Vermeidung oder Erstarrung).
  • Nach der vermeidenden Handlung, nach dem Verhalten, findet eine Erleichterung statt
    (z.B. Dank der Flucht habe ich überlebt).

Die Erleichterung ist meistens von kurzer Dauer, weil die Angst nicht in ihrem Grundproblem angegangen wird. Es ergeben sich vermehrte, angstauslösende Situationen (nur schon der Gedanke an einen Pitbull löst einen Schweissausbruch aus, die Strasse wird gemieden etc.)

 

 

Im Praxisbuch von Dr. Dietmar Hansch wird der Vergleich von Ross und Reiter beschrieben. Das Selbst ist das Ross als unbewusstes Instinktsystem im limbischen Hirnbereich mit verschiedenen Erbantrieben, um unser Überleben zu sichern.
Darüber sitzt das Ich als Reiter mit seinen Selbststeuerungsfunktionen: Ziele setzen, Handlungsplanung, Impulskontrolle, Selbstbeherrschung, Motivation usw. Wenn das Ross das Kommando übernimmt, dann brennt es durch. So ist das Ich (der Reiter) immer gefordert, das Ross unter Kontrolle zu halten.

 

 

2. Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können

In der Situation wie oben beschrieben wäre folgende Lösung als Variante denkbar.

1. Eine schwarz gekleidete Frau mit Pitbull kommt mir auf dem Trottoir entgegen. Ich habe riesengrosse Angst vor Hunden. Ich spüre die Angst in mir aufkommen, der Auslöser ist da.

 

2. Ich spüre wie mir der Atem stockt, der Körper beginnt zu zittern, und ein lähmendes Gefühl in den Beinen macht sich bemerkbar. Ich beobachte meinen Atem, kneife mich mit der einen Hand in die andere Hand zwischen Daumen und Zeigefinger (Skills) und versuche, in der Gegenwart zu bleiben.


3. Ich beobachte meine Gedanken, die schlimmsten Befürchtungen kommen hoch. Ich höre, wie die Angst in mir spricht: „Der Hund greift dich an!“ Ich habe Angst, bin aber nicht die Angst. Ich distanziere mich von der Angst-Stimme in mir. Ich beobachte, dass der Hund an der Leine ist, herumschnuppert und mit dem Schwanz wedelt. Ich nehme real wahr, dass der Hund nicht aggressiv ist. Ich weiss, dass meine Angst übermässig und nicht der Situation angepasst ist.


 

 

 

4. Die Anspannung steigt, ich zittere, ich spüre den Impuls wegzurennen. Ich nehme dies war, atme bewusst ein und aus, ich bleibe stehen. Ich bleibe in der Gegenwart und beobachte, was um mich herum wirklich geschieht.

 

5. Ich halte die Situation aus, inklusive der Katastrophenvorstellung angegriffen zu werden und evtl. dabei zu sterben. Ich gehe einen Schritt zurück, damit genügend Abstand zwischen dem Hund und mir ist.


6. Die Frau in Schwarz und ihr Hund gehen an mir vorbei. Er hat mich nicht angegriffen. Ich habe überlebt! Ich zittere immer noch am ganzen Körper. Ich kneife mich in die Hand, hole mich zurück in die Gegenwart, orientiere mich im Aussen, sehe was um mich geschieht (z.B. drei rote Gegenstände aufzählen die ich gerade sehe).


7. Ich spüre wie die Angstreaktionen langsam und von alleine wieder zurückgehen. Erleichterung macht sich breit. Ich habe es geschafft, ohne die Flucht ergriffen zu haben.


8. Ich getraue mich, auch weiterhin diese Strasse entlang zu gehen und stelle mich beim nächsten Mal wieder dieser „ Hunde-Situation“, jedoch wieder mit „ gesundem Abstand“.


Was hilft sonst noch bei übermässiger Angst?

Bei leichten oder beginnenden Angstproblemen gibt es verschiedene Methoden. Gerne stelle ich hier einige aus meiner Erfahrung vor, welche am besten in der Praxis gewirkt haben.

  • Sich bewusst werden: Furcht und Sorgen werden durch Befürchtungen hervorgerufen, was alles passieren könnte. Und nicht durch die Gewissheit, dass es passiert.
  • Lassen Sie die Angst nicht soweit kommen. Sagen Sie sich gedanklich „Stopp“ und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes.
  • Aufkommende Angst ernst nehmen. Was will sie mir sagen? Angst kann ein Warnsignal sein, das etwas im Leben verändert werden möchte.
  • Sich in kleinen Schritten der Angst stellen. So spürt man die Angst in kleinen Dosen, verliert aber nicht die Kontrolle. Und man lernt sie auszuhalten und aufzulösen.
  • Bewusstes Beobachten seiner Körpergefühle, Emotionen, Gedanken und des Verhaltens und bewusst Gegensteuer geben:
    • Sich in die Hände kneifen
    • Bewusst atmen
    • Sich von den Füssen aus verwurzeln mit dem Boden
    • Gedanken wahrnehmen und auf Realität überprüfen. Übermässige Befürchtungen entlarven und hinterfragen.
    • Emotionen wahrnehmen, sich davon distanzieren: "Ich habe Angst, bin aber nicht die Angst!"
    • Ein angepasstes Verhalten einüben; nicht fliehen; nicht vermeiden; keine Ritualhandlungen. Sie bringen kurzfristig Erleichterung, verschlimmern sich jedoch oft.
  • Bei Kontrollzwang (z. B. ob das Licht wirklich gelöscht ist) hilft es, dies mit dem Erwachsenen-Ich oder sonst einem Persönlichkeitsteil, welcher sich in der Gegenwart gut orientieren kann, durchzuführen. Das heisst, bevor Sie die Wohnung verlassen, holen Sie den Erwachsenen-Teil in sich hervor. Dieser soll einen Blick zurück werfen und sich versichern, dass die Lichter gelöscht sind. Der Angst-Teil ist dieser Aufgabe nicht gewachsen und fühlt sich überfordert.
  • Sich immer wieder den Situationen aussetzen, die Ihnen Angst bereiten und üben. In die Handlung gehen.
  • Sich in Angstsituationen genügend Zeit nehmen und beobachten, bis Angstreaktionen wieder von alleine abnehmen.
  • Sich nicht ständig mit dem Angst-Thema beschäftigen. An gute Dinge im Leben denken.
  • Stolz sein auf Erfolge und sich danach etwas Gutes gönnen.
  • Nicht zulassen, dass sich die Ängste durch eigene Reaktionen verstärken. Stattdessen die Emotionen spüren. Sich dem, was Sie fürchten annähern. Vor was will die Angst Sie schützen?
  • Negative Gefühle und Erfahrungen möglichst nicht vermeiden. Nicht ablenken sondern spüren.
  • Unterscheiden lernen zwischen realer und nicht realer Angst.
  • Sich bewusst werden, wie Sie Ihr Leben gestalten möchten und was für Sie gut ist.
  • Finden Sie Entspannungsübungen, welche Ihnen gut tun.
  • Wenn Sie spüren, dass die Ängste sich schnell verstärken oder bei bestehender starker Angsterkrankung, empfehle ich Ihnen dringend, sich in eine Psychotherapie zu begeben.

3. Eine Aufgabe für Sie persönlich

Viele Menschen haben Ängste. Diese können auch unbewusst sein. Sei es die Angst, nicht zu genügen, nicht geliebt zu werden, Angst vor Erfolg, Angst vor Krankheiten, Angst verlassen zu werden.
Die Liste kann beliebig weit verlängert werden. Sehen Sie dazu die Liste mit den negativen Glaubenssätzen.
Schreiben Sie diese in eigenen Worten um. Sie können auch meine Liste der positiven Glaubenssätze benützen.
Eine gute Möglichkeit ist es auch, ein Freudetagebuch zu führen, um sich vermehrt bewusst zu werden, wieviel Gutes man hat in seinem Leben. Führen Sie sich verstärkt vor Augen, was Ihre Anliegen, Wünsche und Ziele sind. Schreiben Sie diese auf und planen Sie Massnahmen, welche in diese Richtung führen.

Krankhafte Angst lässt sich gut behandeln – das ist die gute Nachricht. Angst kann jedoch nur reduziert werden, wenn die betroffene Person sich der Angst stellt und mitmacht. Das ist meine Erfahrung. Es ist wie beim Bergsteigen. Der Bergsteiger muss selber den Rucksack packen, die Schuhe schnüren und loslaufen um auf den Gipfel zu gelangen. Wichtig ist es auch, dranzubleiben bei der Angstreduktion. So wie sich Angst reduzieren kann, so schnell kann sie sich leider auch wieder ausbreiten.

 

Es gibt Menschen, die halten an ihrer Angst fest. Das ist ihr gutes Recht und hat wohl auch seinen guten Grund.
Aber der richtige Zeitpunkt Ängste anzugehen kommt nie, da kann man lange warten.
Deshalb: Packen Sie es an! Wenn Sie Hilfe benötigen, unterstütze ich Sie bei der Angstreduktion.
Im Basis-Paket unter Angebote sind verschiedene Unterlagen zum Thema Angstbewältigung aufgeschaltet.
Gerne unterstütze ich Sie dabei.

 

Dies ist der Link vom Praxisbuch „Angst selbst bewältigen“ von Dr. med. Dietmar Hansch

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* Name wurde geändert 

 

Fazit

Angst ist überlebenswichtig. Doch es gibt auch Grenzen.
Wenn ein Mensch unter seiner Angst leidet, in seinem Leben eingeschränkt ist und diese nicht mehr kontrollieren kann, dann wird es krankhaft.
Wir ziehen das in unser Leben, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken. So ist es sinnvoll, sich nicht immer nur mit dem Problem zu beschäftigen, sondern sich auch Sachen zu widmen, die uns gut tun. Besonders in der heutigen Pandemie-Zeit ist es sehr wichtig, einen gesunden Umgang mit der Angst zu finden. Vorsicht, genügend Abstand, Respekt und sich an Regeln halten ist unabdingbar.

Auch wenn es in der heutigen Zeit schwierig erscheint, behalten Sie Ihren Humor. Lachen ist, und war schon immer, die beste Prophylaxe gegen die Angst. 

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