Was ist ein psychisches Trauma?

1. Theorie und in Kurzform ein Fallbeispiel

 

Eine psychische Traumatisierung ist die Folge von Erfahrungen, welche von der Psyche im Moment des Ereignisses nicht bewältigt werden können, da es zu schnell, zu viel und zu plötzlich eintritt.

 

Fischer und Riedesser definieren Trauma in ihrem «Lehrbuch der Psychotraumatologie» als:

„Ein vitales Diskrepanz-Erlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“

 

Es tritt eine traumatische Reaktion ein, wenn das Bewältigungssystem eines Menschen vollkommen überfordert ist, und er oder sie sich hilflos und überwältigt fühlt. Daraus können psychische Störungen wie Angsterkrankungen, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) entstehen.

Wir unterscheiden 2 Trauma-Typen:

TYP 1:

Ein Trauma von kurzer Dauer und einmaligem Auftreten; zum Bsp. kurze Naturkatastrophen, Unfälle, berufsbedingte Traumen durch Feuerwehr, Polizei usw.

 

TYP 2:

Ein Trauma von längerer Dauer bzw. wiederholtem Auftreten; zum Bsp. andauernde sexuelle und körperliche Misshandlung in der Kindheit, kriminalisierte oder rituelle Gewalt, Geiselhaft, Krieg usw.

 

Geraten Menschen in eine Situation die unerwartet, lebensbedrohlich, auswegslos und hilflos erscheint, laufen im Gehirn vorprogrammierte Prozesse ab, welche die Evolution so vorgesehen hat. Innert Sekundenbruchteilen wird im Stammhirn die Entscheidung gefällt, welche der folgenden drei Optionen am ehesten das Leben retten können: Kämpfen, Flüchten oder Totstellen. Diese Entscheidung läuft so schnell ab, dass der langsamere und komplexere Frontallappen unseres Gehirns, welcher für das logische Denken zuständig ist, nicht mitkommt.

Das Geschehen in der äusseren Situation wird nicht mehr vollständig verstanden, Zusammenhänge fehlen, es entsteht in der Folge ein Netzwerk im Gehirn, das in einer Alarmschleife hängen bleibt. Das Gehirn kommt nicht zur Ruhe, weil es keinen Sinn für das Geschehene konstruieren kann. Traumatische Netzwerke feuern dauernd im limbischen System, vor allem in der Amygdala, weiter. Intrusiv* kann das Geschehen wie ein Film immer wieder ins Bewusstsein eindringen, weil es integriert werden und zur Ruhe kommen will. Um zu überleben wird dieses Netzwerk nach Möglichkeit abgeschottet, das Geschehen wird verdrängt, und mit ihm der Anteil der Persönlichkeit, der das Furchtbare erlebt hat. Er wird abgespalten, dissoziiert.

 

* Als Intrusion bezeichnet man in der Psychotraumatologie das häufig durch einen Schlüsselreiz (Trigger), unkontrollierbar wiederkehrende, quälend ins Bewusstsein drängende Wiedererinnern und Wiedererleben von traumatischen Ereignissen und Situationen.

 

Der abgespaltene Anteil wird in der Fachsprache EP (Emotionale Persönlichkeit) genannt. Dieser wird von der ANP (Anscheinend normale Persönlichkeit) häufig phobisch** gemieden, um das Trauma im Alltag fernzuhalten und um zu Funktionieren.

Die Dissoziation ist ein «Schutzmechanismus», um zu überleben. Doch was anfänglich schützt, jedoch weiterhin abgespalten bleibt, kann als Folge der traumatischen Erfahrungen zur veränderten Wahrnehmung, bis hin zur veränderten Persönlichkeit führen.

 

** Phobien sind unangemessen starke Ängste vor bestimmten Situationen oder Objekten. Sei es die Angst vor dem Fliegen, dem Zahnarzt, vor Spinnen oder ganz allgemein im Umgang mit anderen Menschen. Die irrationalen Ängste wirken sich auf die Gedanken, die Gefühle und das Verhalten der betroffenen Personen aus.

 

Während dem gemeinsamen Aufräumen vom Salontisch sinkt Frau Smart (Name geändert) zusammen, kauert sich auf dem Sofa in die Ecke und sagt mit weinerlicher, kindlicher Stimme: „Es tut so weh, wenn sie in mich eindringen, ich will das nicht“. Ich entgegne diesem misshandelten Kind (EP): „Es ist schlimm was dir angetan wurde“. Daraufhin kam wieder die Erwachsene (ANP) zum Vorschein und räumte weiter auf. Sie konnte sich nicht an das Gesagte erinnern, das sexuell misshandelte Kind (EP) ist abgespalten vom Bewusstsein.

 

Durch Hormone und Neurotransmitter werden Emotionen und körperliche Empfindungen in der überfordernden Situation betäubt. Aus diesem Grund empfinden viele Opfer sexuellen Missbrauchs keinen Schmerz oder Ekel während des traumatisierenden Geschehens. Sie spüren sich selber nicht mehr. Hinzu kommt eine geistige Abwesenheit. Die Betroffenen nehmen die Realität nicht mehr vollständig wahr. Das ist auch unter anderem der Grund, warum viele Opfer sich später nicht mehr richtig an das Erlebte erinnern können.

Was für das «Ich» nicht sein darf, resp. zu viel ist, wird ins Unbewusste verdrängt und kann sich in Form von psychischen Symptomen zeigen (PTBS, Angst, Depression, Suchterkrankung, Schmerzen, usw.).

 

2. Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können

 

Nach der traumatischen Situation (Schockphase) tritt die traumatische Reaktion (Einwirkungsphase) ein. Diese dauert 2-4 Wochen oder je nach Schwere vom Ereignis auch länger. Meistens tritt in dieser Phase die Erholung ein.

 

Nicht jedes Trauma bringt Folgestörungen mit sich:

Unser inneres System kommt mit negativen Erlebnissen oftmals recht gut selbst zurecht und kann den Schock verarbeiten. Wir sollten unsere Selbstheilungskräfte nicht unterschätzen. Wichtig ist, in dieser Verarbeitungszeit das zu tun was hilft: Gespräche führen, Rituale, Hobbys, gutes Essen, Bewegung, wertvolle Tätigkeiten wieder aufnehmen wie vor der Traumatisierung.

Häufig wachsen wir Menschen an Schwierigkeiten, unsere Bewältigungsfähigkeiten entwickeln sich weiter und wir werden stärker. Wer an sich selbst glaubt, ein gutes Selbstbewusstsein hat, gesunde Beziehungen pflegt und dem Leben gegenüber positiv eingestellt ist, hat bessere Chancen, gesund zu bleiben.

Kann das Trauma jedoch nicht verarbeitet werden, so kommt es zum traumatischen Prozess (Chronifizierung). Die traumatischen Reaktionen bleiben bestehen oder werden «eingekapselt».

 

Bei Frau Smart haben sich die jahrelangen Traumatisierungen chronifiziert. Wie sie trotzdem ein selbständiges Leben führt und ihr Leben meistert, schreibe ich im nächsten Blogbeitrag.

 

3. Eine Aufgabe für Sie persönlich

 

Schutzfaktoren verringern die Wahrscheinlichkeit zu erkranken, am Wichtigsten ist die soziale Unterstützung.

Deshalb:

Machen Sie in Ihrem Leben gute, stärkende Erfahrungen. Unternehmen Sie Sachen, die Sie befähigen und gute Gefühle vermitteln. Bewegen Sie sich regelmässig, essen Sie gesund. Suchen Sie sich ein sicheres, unterstützendes, soziales Umfeld.

So sind Sie psychisch und physisch besser gewappnet, falls schlimme Ereignisse in Ihr Leben treten sollten. Denken Sie nicht zu sehr nach, was alles passieren könnte. Negative Gedanken können wie Prophezeiungen negative Erlebnisse nach sich ziehen. Und falls doch was Schlimmes passiert: Versuchen Sie beim Erleben eines Traumas im Erwachsenen-Teil zu bleiben.

 

Sollte es trotzdem zu einer Traumafolgestörung kommen, das Trauma sich auch nach Wochen nicht aufgelöst haben, es im limbischen System immer wieder feuert und dadurch nicht verarbeitet werden kann, dann ist es wichtig, sich in eine Psychotherapie zu begeben und fachliche Hilfe anzunehmen.

Die Trauma-Therapie geschieht häufig in 3 Phasen: Stabilisation, Konfrontation und Integration.

 

In meiner Arbeit der Online-Beratung geht es sehr oft um die Stabilisation im Alltag, um Tagesstruktur, Sicherheit, Kontrolle im Leben, Selbstfürsorge, Resilienz, Achtsamkeit, Beziehungen etc. Aus diesem Grund habe ich ein Stabilisationspaket erarbeitet. Dies beinhaltet die oben genannten Themen und unterstützt effektiv im Alltag. Das Stabilisationspaket ist auch als Unterstützung während einer Psychotherapie sehr geeignet.

Wenn Sie mehr über die verschieden Persönlichkeits-Anteile erfahren möchten, dann ist der Blogbeitrag «die inneren Persönlichkeitsteile kennenlernen» sehr hilfreich.

Sowie das Arbeitsblatt dazu: «Innere Landkarte – mit den eigenen Persönlichkeitsteilen arbeiten»

 

Wie der Alltag trotz Traumafolgestörungen bewältigt werden kann, können Sie unter anderem in meinem eBook lesen. Dies erhalten Sie kostenlos, wenn Sie sich für meinen Newsletter anmelden.