Wie Stabilisation im Alltag gelingen kann

1. Die Probleme einer Person im Alltag beschreiben

 

«Mich zu hauen, wäre eine Sache gewesen! Aber mich jeweils halb zu erschlagen bedarf einer Bezeichnung, die erst erfunden werden muss, denn sie spottet jeder Beschreibung!»

 

Dies sind Worte von Evelyn Smart*, einer Klientin, welche ich mehrere Jahre begleitete. Ich habe sie beim letzten Blog, «Was ist ein Psychotrauma?» kurz erwähnt. *Name geändert

Frau Smart war meine erste Klientin, welche dissoziierte.
Speziell erschien mir, dass Sie meine Mimik und Gestik nicht lesen konnte. Sie wurde als Kind nicht gespiegelt. Es fehlte die Mentalisierungsfähigkeit**.

 

** Mentalisieren heisst, sich bewusst werden, was in mir oder einem anderen Menschen vorgeht. Dabei gelingt es, je nach Situation besser oder schlechter, die innere Welt einer anderen Person, d. h. ihre Emotionen, Überzeugungen, Motive etc. zu lesen. Alle für die Mentalisierung notwendigen Entwicklungen spielen sich in der Eltern-Kind-Beziehung ab.

 

Die traumatische Lebensgeschichte von Evelyn Smart beginnt mit 8 Jahren, nach der Trennung der Eltern und dem Wegzug an einen anderen Wohnort. Die Mutter heiratete erneut. Der Stiefvater hat sie oft und intensiv geschlagen. Auch hat er sie sexuell misshandelt, diese Erlebnisse sind jedoch von ihrem «Erwachsenen-Bewusstsein» abgespalten.

Sie habe ihren leiblichen Vater sehr vermisst und idealisiert, obwohl er alkoholkrank und ebenfalls grob zu ihr war.
Mit 10 Jahren gebar Ihre Mutter einen Sohn, Beat. Sie selber sei über die Schwangerschaft nicht informiert gewesen, ihr sei lediglich die Gewichtszunahme der Mutter aufgefallen. Nach der Geburt von Beat habe sie sich als «Parasit» gefühlt, als unwillkommen, ungeliebt und vernachlässigt. Sie wurde mehrmals ausser Haus dem «Mundraub» bezichtigt. Evelyn Smart beteuerte jeweils, die Lebensmittel gestohlen zu haben, weil sie Hunger hatte.

Als sie 11 Jahre alt war, fiel ihr kleiner Bruder von der Schaukel. Die Eltern warfen ihr darauf hin Tötungsabsichten vor und behandelten sie noch strenger. Sie wurde, während die Familie für ein paar Tage in Urlaub fuhr, zuhause eingesperrt. Das knappe Essen wurde dafür jeweils genau und knapp portioniert. Evelyn Smart beschloss zu fliehen. Sie fuhr zu ihrem leiblichen Vater, ohne Zug-Billett und Ankündigung. Der Vater habe sie skeptisch empfangen und die Polizei benachrichtigt.
Zurück zuhause gab es Prügel mit Gürtel und Besen, welche sie nie vergessen werde.

Mit 14 Jahren unternahm Frau Smart den ersten Suizidversuch. Dies führte zur Hospitalisation in einer psychiatrischen Klinik. In den weiteren Jahren folgten mehrere Suizidversuche mit Selbstverletzungen und monatelangen Klinikunterbringungen. All diese Geschehnisse führten zu einer Beistandschaft.

Evelyn Smart zeigte bereits in jungen Jahren diverse Traumafolgestörungen:

 

-          Ängste, besonders eine ausgeprägte Insektenphobie

-          Wiederkehrende Depressionen

-          Suchtabhängigkeiten: Spielsucht, Cannabis-, Kokain-, Alkoholabusus, Heroin in Folien geraucht.

-          Intrusionen (Wiedererinnern oder -erleben von traumatischen Ereignissen)

-          Vermeidungsverhalten, verbunden mit starkem Rückzug

-          Beziehungsprobleme

-          Übererregung in Trigger-Situationen

-          Psychosomatische Schmerzen (Rücken, Arme, Beine)

-          Dissoziative Zustände (Veränderte Wahrnehmung, von «neben sich stehen» bis hin zu totaler Abspaltung «kann sich nicht    mehr an kurz vorher Erlebtes oder Gesagtes erinnern»).

 

Um sich ihre Süchte zu finanzieren und auch um Liebe zu bekommen, habe sie sich jahrelang prostituiert. Das Anschaffen auf der Strasse sei anstrengend gewesen, Evelyn Smart ist gezeichnet von einem harten Leben, sie wirkt älter als 52- jährig.

Als ich Evelyn Smart kennenlerne ist sie suchtabstinent, prostituiert sich nicht mehr, hat eine IV- Rente, lebt alleine und managt ihren Alltag soweit selbständig. Sie ist äusserst willensstark (sie nennt es einen sturen Kopf) und lässt sich nicht unterkriegen.

Das Hauptziel meines Auftrages ist es, das selbständige Wohnen von Evelyn Smart zu erhalten, eine gute Tagesstruktur zu erarbeiten, Stabilität im Alltag und in Beziehungen zu ermöglichen. Für Evelyn Smart ist es ein grosses Problem, keine Freunde zu haben. Auf der Suche nach Liebe sei sie jeweils nur ausgenützt worden: sexuell, finanziell und emotional.

 

2. Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können

 

Evelyn Smart benötigt anfangs sehr viel Sicherheit. So haben wir zum Beispiel klare Abmachungen, wie ich mich bei einem Einsatz anmelde: Ich läute 3x an der Haustüre, sie öffnet mir per Knopfdruck von der Wohnung aus, und ich steige die Treppe hoch. An der Wohnungstüre klopfe ich wiederum 3x, so ist sich Evelyn Smart sicher, dass ich es bin, die vor der Türe steht. Die Begrüssung ist jeweils sehr herzlich. Sie freut sich sehr «Besuch» zu bekommen. Die Wohnung ist dann jeweils aufgeräumt und ich lobe sie für die Sauberkeit, auch für ihre Körperpflege, ihr Aussehen und die Kleidung. Dies macht sie glücklich.
Es erscheint mir jeweils, als wolle sie alles Lob, welches sie als Kind nie hatte, nun nachträglich einfordern. Es ist schön, sie so zufrieden zu sehen!

 

Gute Momente sind jedoch oft von kurzer Dauer. Zu viele aktuelle Erlebnisse erschrecken sie, regen sie auf oder überfordern sie. Das Zusammentreffen mit Menschen auf der Strasse, im Bus, im Laden, oder sonst wo, wir oft sehr schnell schwierig.

Sie wechselt in ihren Persönlichkeitsanteilen, ohne sich selber daran zu erinnern. Nur schon kleinste Trigger reichen aus. Als ich bei einem Temin schwarz-rote Kleider trage, glaubt sie, ich komme im Namen des Teufels. Oder als sie den Gürtel an meinem Hosenbund sieht, ist sie überzeugt ich wolle sie «versohlen». Doch ganz schlimm ist es, wenn ein Insekt in der Wohnung herumschwirrt. Dann schreit, fuchtelt Evelyn Smart herum und lässt sich nicht beruhigen. Erst wenn das Insekt getötet ist, kehrt Ruhe ein. Aus diesem Grund haben wir an 2 Fenstern Insektennetze angebracht, damit Evelyn Smart lüften kann. Auch kontrollieren wir diese Netze regelmässig auf ihre Unversehrtheit.

 

Evelyn Smart ist oftmals nahe an einer Krise. Ausgelöst vor allem durch Probleme mit den Mitmenschen. So suchen wir immer wieder nach Skills, nach Ressourcen, nach Stabilität, Sicherheit und Kontrolle.
Viele Ideen haben wir besprochen, vieles versucht.

Auf einmal hat Evelyn Smart eine Idee, von der sie sich nicht mehr abbringen lässt:

Ein Photo von mir auf ihrem Handy gespeichert, dass wünsche sie sich. Dann könne sie bei Stress und Überforderung das Photo ansehen und sich so schnell beruhigen, da ich ja «da sei», in Form von meinem Portrait. Sie versichert mir, mein Photo diskret zu behandeln.

Ich glaube mich verhört zu haben: «Was für eine komische Idee. Nein, das will ich nicht. Ich will nicht als Skills eingesetzt werden!» Mein eigener, innerer Kritiker hat Probleme mit dieser Idee: «was ist, wenn sie dein Portrait überall zeigt?»…. «Da musst du dich abgrenzen, diese Linie darf nicht überschritten werden», etc.

Erinnern Sie sich daran, wie ich weiter oben geschrieben habe, dass Evelyn Smart sehr willensstark ist? Ja eben... Wenn sie eine überzeugende Idee hat, dann gibt es nichts mehr daran zu rütteln.
Sie macht, ohne mich lange zu fragen, ein Photo von mir und freut sich wie ein kleines Kind über den gelungenen «Schappschuss». Seither diene ich ihr als private «Krisenmanagerin» in ihrer Handtasche.
Das Verrückte daran ist, das es gut funktioniert. So zeigt sich: Auch unkonventionelle, nicht lehrbuchmässige Ideen können zum Erfolg führen.

3. Eine Aufgabe für Sie persönlich

 

Innere Anteile, welche Funktionen im Alltag übernehmen, sind zu stärken und zu stabilisieren. Dies ist die Voraussetzung für ein sicheres, möglichst autonomes Leben für Menschen mit Traumafolgestörung. Wie Stabilität erlangt werden kann, ist individuell und muss immer mit der jeweiligen Person besprochen und herausgefunden werden. Meine Erfahrung ist, dass grundsätzlich immer eine Lösung gefunden werden kann, man muss nur genügend intensiv suchen und sich nicht unterkriegen lassen.

Es muss ja nicht unbedingt ein Portrait von mir sein 😊. Einige meiner Klientinnen imaginieren einen Löwen oder einen Tiger, welcher auf der Strasse neben ihnen läuft und sie beschützt. Oder sie tragen ein Bild von einem Schutztier mit sich. Oder einen bestimmten Schlüsselanhänger, welcher sie in der Hand halten, um sich zu beruhigen.

 

Was Menschen mit Traumafolgestörung hilft, kann auch uns in Stresssituationen helfen.
Welche Massnahmen helfen Ihnen, in schwierigen Zeiten ruhig zu bleiben? Sich zu erden und in der Gegenwart zu bleiben?


Möchten sie mehr erfahren zum Thema Stabilisation, Sicherheit im Alltag, Gelassenheit und Ruhe?

Im Stabilisationspaket umschreibe ich 7 Hauptthemen, wie Stabilität im Alltag gelingen kann. Eines davon ist das Thema Beziehung, deren Wichtigkeit, und wie man sie bewusst lebt.

 

Auch bei Evelyn Smart war der Wunsch nach stabilen Beziehungen stark vorhanden, sie versuchte immer wieder mit ihrer Mutter Kontakt aufzunehmen, was jedoch scheiterte. Sie fand jedoch nach langer Zeit eine gute Freundin, und baute darauf eine wunderbare Freundschaft auf. Auch kaufte sie sich eine Katze und übernahm die Verantwortung für deren Tierwohl, was prima klappte.

 

Das Buch "Imagination als heilsame Kraft" von Luise Reddemann zeigt viele Möglichkeiten auf, wie innere Stabilität aufgebaut werden kann. 

 

Im Stabilisationspaket wird jede Woche eines der 7 Themen besprochen, mit Theorie, Tipps und entsprechendem Arbeitsblatt. Innerhalb diesen 7 Wochen sind auch 4 Stunden Gespräch und 4 Mails enthalten, um aktuelle Fragen/ Probleme / Themen zu besprechen.
Das Ziel ist es, Sicherheit im Leben aufzubauen, um ein stabiles Leben zu leben.
Die Übungen sind praktisch und alltagstauglich gestaltet, um möglichst viel zu profitieren.