Sie brauchen mich nicht zu fürchten…

 

1. Die Situation einer Person im Alltag beschreiben

 

Das Praktikum hatte ich hinter mir, doch ich war noch nicht 18 Jahre alt, um die Ausbildung zur diplomierten Pflegefachfrau zu beginnen. So arbeitete ich 10 Monate lang auf einer Intensivstation als «Schwesternhilfe». So nannte man die Pflegehelferinnen früher.


Mein Interesse galt ausschliesslich - schon damals - den Geschichten der Patienten. Besonders den Menschen, die nach einem Koma aufwachten, knapp einen Herzinfarkt oder einen Suizidversuch überlebten.

 

 

Das Bedürfnis zu reden war bei vielen Patienten gross. Und da ich echtes Interesse zeigte und oftmals genügend Zeit hatte, erzählten sie offen und direkt über sich, ihr Leben, ihre Erkrankungen, Verluste, Kränkungen und Schmerzen.
Und warum vertrauten sie sich mir an? Sie hatten von mir nichts zu befürchten:
Ich verabreichte keine Spritzen, säuberte keine Wunden, steckte keinen Katheter, saugte keinen Schleim ab. Nichts von alldem, denn ich arbeitete nie selbständig direkt am Patienten.

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Nach einem schweren Trauma ist das Leben oftmals anders als zuvor. Kann Erlebtes nicht integriert und verarbeitet werden, fristet das daraus entstandene Trauma meist ein bewusst oder unbewusst abgespaltenes Dasein. In der Psychotraumatologie wird von einer Dreiteilung, der sogenannten Trauma-Trinität gesprochen (Ignoranz-Fragilität*-Kontrolle nach Ellert Nijenhuis).

*Fragilität bedeutet Verletzlichkeit

 

  1. Der Ignoranz-Teil lebt nach dem Trauma normal weiter, erfüllt die Alltagspflichten, als wäre nichts passiert, er ignoriert das Trauma. Er wird als «gesunder» Erwachsenen-Teil gesehen, der das Weiterleben ermöglicht.
  2. Der Fragile-Teil trägt das Trauma, abgekapselt vom Bewusstsein, in sich. Oft handelt es sich um verletzte Kind-Teile. Diese zeigen sich unter anderem in Form von Phobien, Panikattacken, sonstigen Ängsten, Depressionen, Suchverhalten, etc.
  3. Der Kontroll-Teil überwacht das Ganze als übergeordnete Moralinstanz. Er versucht, als Schutz vor weiteren Verletzungen, nichts Gefährliches mehr an die Person heran zu lassen.

  

Diese Aufteilung in der Psychologie des Menschen ist nicht neu. Bereits der bekannte Psychoanalytiker Sigmund Freud entwickelte das Modell vom ICH/ ÜBER-ICH/ ES.
ICH als Erwachsener und Manager vom Alltag, ÜBER-ICH als Moralinstanz, welche das eigene Verhalten in Übereinstimmung mit eigenen Wertvorstellungen bringt und ES als lustbezogene, kindliche Bedürfnisse.

 

Es gibt einige weitere Modelle, welche mit den inneren Persönlichkeitsteilen arbeiten. Als Beispiele, ohne weiter darauf einzugehen sind dies: Schematherapie, Ego-State, «Das innere Team» von Schulz von Thun, oder die Transaktionsanalyse.

 

Da ich oft mit schwer traumatisierten Menschen arbeite, zeigen sich zum Teil starke Widerstände, das Weiterkommen bei schwierigen Themen ist enorm erschwert. Trotz kleinen Schritten, dem erarbeiten von Sicherheit und Vertrauen kann sich eine Stagnation entwickeln.
Oft zeigt sich ein starker Kontroll-Teil in Form als innerer Wächter oder Richter. Dieser schlägt Alarm vor Neuem, Unbekanntem oder Verdächtigem. Alles, was das innere System gefährden könnte.

 

Doch weshalb muss sich der Klient/ die Klientin vor mir nicht fürchten?
Sind die Widerstände zu gross, ein Weiterkommen in der Alltagsumsetzung nicht möglich, so respektiere ich das und nehme möglichst den Druck aus der Situation.
Oftmals stecken hinter starken Widerständen traumatische Verletzungen, in Form von verletzten, hilflosen und schmerzvollen Kind-Teilen. Der Erwachsene Teil weiss nicht immer davon. Das Erlebte war vermutlich zu schrecklich, zu schmerzhaft und darf nicht sein, es wird ins Unterbewusstsein verschoben. Der Kontroll-Teil hat seinen «guten Grund», weshalb er so stark in den Vordergrund tritt: Er will die Person als Gesamtes schützen, damit sie nicht vom erlebten Trauma überwältigt wird.

 

In solchen Situationen nehme ich in Absprache mit der betreffenden Person, Kontakt mit dem Psychotherapeuten auf, welcher für die Aufarbeitung, Konfrontation und Integration eines Traumas zuständig ist.

Dies äussere ich klar und grenze mich entsprechend ab.

 

2. Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können

Es gibt aber auch Fälle, in denen ein gemeinsames weiterarbeiten trotz Widerständen möglich ist:

 

Eine Klientin fragte mich an, ob ich mit ihr zusammenarbeiten würde. Jedoch unter einer Bedingung: Ich dürfe ihre Küche nicht betreten. Ohne lange nachzufragen willigte ich ein. Wir planten ihre Tagesstruktur, besprachen Alltagsthemen und begannen ihre Wohnung aufzuräumen. Es kam der Tag, an dem wir Ihre Küche unbeabsichtigt betraten…...wir standen also beide plötzlich in ihrer kleinen Küche, das Geschirr von der Stube wegräumend. Als die Klientin realisierte wo wir standen, fing sie an zu weinen. Sie wirkte aufgelöst, geschockt und zutiefst verletzt. Stehend in der Küche erzählte sie mir:


«Wie gerne hätte ich als kleines Kind meiner Mutter gefallen. Ich versuchte ihr in der Küche zu helfen. Doch unbeholfen wie ich war, ist mir manchmal etwas runtergefallen, worauf mich meine Mutter stark beschimpfte. In ihrem Jähzorn sagte sie die schlimmsten Sachen zu mir und schlug mich. Dies geschah meistens in der Küche, vermutlich damit es der Vater nicht mitkriegte.
Seit ich klein bin, habe ich eine Abneigung fürs Kochen. Nur schon die Küche aufzuräumen ist mir ein Graus».

 
Die Klientin lernte nie den Umgang mit Lebensmitteln, kochte nur vorgefertigte Gerichte. Zu Kochen traut sie sich auch heute nicht zu, nur schon der Abwasch überfordert sie und wird hinausgezögert.
Trotz stark verletzten Kind-Teilen sprang sie über ihren Schatten und willigte ein, gemeinsam die «Messi-Küche» aufzuräumen, vermehrt selber zu Kochen und auch gesünder zu Essen.

  

 

So habe ich immer wieder mit Kind - Teilen zu tun, welche sich in ihrer Verletzlichkeit zeigen. Sie werden von mir immer angehört, ernst genommen und mit einbezogen. Meistens ist es genau dieses Verständnis, welches im Dranbleiben und Umsetzen hilft. In der gemeinsamen Weiterarbeit lösen sich oftmals Blockaden von früher auf, was sich für die betreffende Person, aber auch für mich, sehr gut anfühlt. Das sind Glücks-Momente!

 

3. Eine Aufgabe für Sie persönlich

 

Zuerst noch zum besseren Verständnis:

Wenn ich von Persönlichkeitsteilen spreche, so ist niemals eine Person mit Schizophrenie oder eine Person mit mehreren Persönlichkeiten gemeint. Persönlichkeitsteile sind Aspekte der gleichen Person, welche die Erlebnisse in sich tragen und entsprechend Denken, Fühlen und Handeln.

 

Fragen an Sie:

  • Welches Vermeidensverhalten erkennen Sie an sich selber? Wissen Sie woher dieses kommt? Sind es eventuell Kind-Teile in Ihnen, welche das Vermeiden auslösen?
    Möchten Sie ein besseres Verständnis dafür haben und ihnen auf den Grund gehen?
    Lesen Sie hierzu den Blogeintrag: «Endlich ins Handeln kommen».
    Falls Sie Unterstützung in der Umsetzung benötigen, dann eignet sich mein Übungspaket dazu.
  • Welche Blockaden machen Ihnen das Leben schwer? Welches Ziel wollen Sie schon lange angehen? Was hindert Sie daran es Umzusetzen? Stimmt das Ziel mit Ihren Werten überein?
    Ist Ihr Erwachsener-Teil genügend gestärkt und übernimmt die Verantwortung für Ihr Leben?Lesen Sie dazu den Blogeintrag: «So erreiche ich mein Ziel».Falls Sie Unterstützung in der Umsetzung benötigen, so eignet sich das Umsetzungspaket am besten dazu.
  • Sind Sie mehrheitlich nur noch am «Funktionieren»? Fehlt es an Lebensfreude? Fühlen Sie sich für sehr Vieles verantwortlich? Übernimmt der Kontroll-Teil die Führung in Ihrem Leben? Schränkt dieser Sie zu sehr ein?
    Möchten Sie wieder mehr spontan entscheiden können? Fehlt es an Sicherheit, Stabilität und Selbstwirksamkeit in Ihrem Alltag?Lesen Sie dazu: «Zurück zur Lust am Leben».
    Falls Sie Unterstützung in der Umsetzung benötigen, so eignet sich das Stabilisationspaket am besten dazu.

 

Falls Sie grundsätzlich Interesse haben, sich vermehrt mit dem Thema Persönlichkeitsteile auseinanderzusetzten, so empfehle ich Ihnen den Blog: »Die inneren Persönlichkeitsteile kennenlernen», sowie das Buch von Tom Holmes: «Reisen in die Innenwelt- Systemische Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen».

  

Wenn es Ihnen eher um die Kind-Teile geht, so ist der Blog: «Das innere Kind in uns erkunden» geeignet.
Oder, wie auch schon darauf hingewiesen das Buch von Stefanie Stahl: «Das Kind in dir muss Heimat finden».

 

Wenn Sie wirklich etwas ändern wollen, dann ist jetzt die beste Gelegenheit. Packen Sie es an!
Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen.