Das emotionale Gummiband

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Liebe Frau Jost


Mit Freude lese ich jeweils Ihren monatlichen Newsletter. Beim letzten Thema «Wie Veränderung gelingen kann», dachte ich mir: «Ach, wenn es doch so einfach wäre». Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass es «was Unbewusstes ist», was mich hindert, doch habe ich keinen blassen Schimmer, weshalb Veränderungen bei mir so schwierig sind. Professionelle Hilfe möchte ich nicht in Anspruch nehmen. Hätten Sie mir vielleicht noch einen Tipp, wie ich es konkreter angehen könnte?

Vielen Dank, freundliche Grüsse, C. S.

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Diese Rückmeldung einer Newsletter-Leserin hat mich veranlasst, etwas tiefer in das Thema der Prägungen einzugehen.

 

Die Metapher vom emotionalen Gummiband wurde vom Mentor und Coach Wolfgang Kraus geprägt. Er zeigt auf, wie unbewusste Loyalitäten* die freie Entfaltung im eigenen Leben beeinflussen können.

 

* Loyalität bedeutet, im Interesse eines gemeinsamen höheren Zieles, die Werte und Ideologie des anderen zu teilen und zu vertreten.

 

1. Die Situation einer Person im Alltag beschreiben

 

Anton (Name frei gewählt) spürt, wie er an seine Eltern gebunden ist und sich nicht frei entfalten kann. Er hat ein schlechtes Gewissen seinen Eltern gegenüber.

 

Als er noch ein kleines Kind war, hatten seine Eltern oft gestritten. Anton und seine Schwester waren dadurch stark verunsichert. Anton fühlte sich schon als junger Bub in der Verantwortung, dass die Eltern sich verstanden. So eignete er sich die Rolle eines Vermittlers an, sein humorvolles Verhalten diente dem Zweck, die Beziehung der Eltern zu harmonisieren.
Er hat sich verantwortlich gefühlt, dass es Mama und Papa gut ging.

 

Anton bemerkte, wie stark sein Verhalten als «Harmonisierer» auch jetzt noch in seinem erwachsenen Leben wirkt.

Das wollte er ändern.
Anton nahm Unterstützung in Form
einer Aufstellungsarbeit in Anspruch, um die tief liegenden, ungelösten Bindungen auf eine gute Weise aufzulösen.

 

Solange solche tiefliegenden Konflikte in uns herrschen, können wir unter Umständen trotz Disziplin, Ausdauer und Kraft nicht weiterkommen. Veränderungen sind dann erschwert möglich.
Das emotionale Gummiband kann so stark sein, dass wir zwei Schritte nach vorne gehen, das unsichtbare Gummiband uns aber immer wieder zurückzieht, ohne dass wir verstehen weshalb.

 

Was aber, wenn Sie keinen Coach, keine Aufstellungsarbeit, Hypnose oder sonstige Therapie in Anspruch nehmen möchten?

2. Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können

 

Ungute Bindungen zeigen sich unter anderem dann, wenn Sie nicht ungezwungen, frei wählen können, z. B. welchen Beruf Sie erlernen möchten.

Ziel ist es, die gebundene, nicht dienliche Bindung zu erkennen, zu lösen und um freier mit sich selber zu werden.
Dies heisst nicht, die Beziehungen zu den Eltern oder Geschwistern zu kappen, sondern auf eine andere Ebene zu gehen, um die Themen zu lösen.

 

Sie möchten es selber probieren, diese Beziehungsmuster zu erkennen und aufzulösen?

Es ist schwierig, diese Muster selber aufzulösen, da wir selber in diesen Verstrickungen sind, und sie selber kaum erkennen können. Doch es ist nicht ausgeschlossen.

Sobald Sie solche Muster erkannt haben und bereit sind sie zu ändern, dann können Sie selber ein Ritual durchzuführen.

Hier eine Möglichkeit zum oben genannten Fallbeispiel.


Es ist eine kurze Anleitung vom Mentor und Coach Wolfgang Kraus:

 

Zuerst geht es um das Erkennen von Verstrickungen, zum Beispiel mit den Eltern.

  • Zu spüren, dass Anton sich verantwortlich gefühlt hat, dass die Eltern sich vertragen.
  • Dass er nur das Beste für seine Eltern wollte, und seine eigenen Bedürfnisse nicht wahrnehmen konnte.

 

Dann entfernt Anton sich ein Stück weit mental von seinen Eltern und stellt sich vor, wie seine Eltern dastehen und sagt zu Ihnen:

„Liebe Eltern, was zwischen euch ist, ist eure Sache, nicht meine, aber ich achte euch. Ich achte was zwischen euch ist, aber es gehört nicht zu mir. Ich bin das Kind, und nicht der Schiedsrichter oder „Harmonisierer“. Es liegt in eurer Verantwortung, nicht in meiner“.

 

Werden Sie sich bewusst, dass ihre Eltern Ihnen das Leben geschenkt haben.

Das eigene Leben ist das wertvollste, was Sie bekommen haben. Rufen Sie sich dies in Erinnerung.

Kein Mensch ist fehlerfrei, auch nicht die Eltern.

Jeder Mensch trägt seine eigene Verantwortung.

Es geht um eine gesunde Distanzierung zu den Eltern, sie aber als Eltern weiterhin zu achten.

 

Wichtig ist auch, ungelebte Trauer zu verarbeiten.

Unterdrückte Trauer von Eltern und Grosseltern kann in der „Familie- Cloud“ (sogenanntes Familiengedächtnis) hängen bleiben und sich bei den Kindern zeigen und unbewusst hindernd wirken.

 

3. Eine Aufgabe für Sie persönlich

 

Deshalb hier meinen Tipp an Sie, liebe Frau C. S. und an alle Leserinnen und Leser:

Schauen Sie mal in ihrer „Familien-Cloud“ nach, was an Unerledigtem und Unausgesprochenem hängengeblieben ist.

Versuchen Sie, in einem Ritual diese Verknüpfungen aufzulösen, wie oben beschrieben.
Dies, um Frieden zu erlangen und mit sich selber ins Reine zu kommen.

Wenn die Verknüpfungen, samt der Wut, Trauer oder anderen Gefühlen weg sind, dann gibt es Platz für Neues.


Fragen Sie sich:
Was will ich in meinem Leben verändern? Was ist mir wichtig und gibt mir Lebenssinn?

 

Planen Sie kleine Schritte der Veränderungen und bleiben Sie täglich dran mit Üben von neuem Verhalten.

Wichtig: Gehen Sie wertschätzend und achtsam mit sich um, überfordern Sie sich nicht.

 

Fazit:

Ich bleibe dabei. Jeder einzelne von uns hat die Möglichkeit, bei sich selbst anzufangen, etwas innerlich anzustossen und in Gang zu bringen. Ich spreche hier von kleinen, täglichen Veränderungen, die unseren Zielen, Werten oder Visionen entsprechen.
Deshalb: Fangen Sie an, gehen Sie in die Richtung, die für Sie passt und die sich für Sie richtig anfühlt.

 

 

Apropos Anstossen: 

 

Ich wünsche Ihnen ein fröhliches, gutes und gesundes 2021.  Mögen Sie Ihre Träume weiterverfolgen, dranbleiben und die Hoffnung nie aufgeben!